Weinmesse Stuttgart :: Please, don’t call it „lecker“!

Wie bereits erwähnt, waren wir letzten Sonntag auf der Weinmesse in Stuttgart. Mit der Eintrittskarte (9€ im Vorverkauf) darf man an jedem Stand kostenlos den Wein verkosten. Das klingt gefährlich für mich, denn ich habe einen kurzen Kreislauf (49kg verteilt auf ganze 1.58cm) . Schon ein Gläschen Wein kann meine Geselligkeit positiv beeinflussen. Aber ich nehme mir vor, wirklich nur zu verkosten.

Am Anfang bin ich etwas überfordert, denn ich kenne die Weingüter der Region nicht so gut und weiß nicht, wo ich anfangen soll. Das ist nicht weiter verwunderlich: ich bin kein großer Fan von deutschen Weinen. Jaaa, ich spüre schon die grimmigen Blicke 😉 . Aber so ist es nun mal. Wein hat mit der Bodenbeschaffenheit und dem Klima zu tun. Und natürlich bestimmt das auch die Rebsorten, die in der Region angebaut werden. An einem Wein schmeckt man diese Dinge eben. Abgesehen davon, Geschmack ist ja Geschmackssache.

Dennoch, besonders bei „Geschmackssachen“ ist Neugier Pflicht, um gegen die eigenen Vorurteile anzukämpfen. Somit bin ich fest entschlossen, den deutschen Weinen heute wieder eine Chance zu geben.

Dazu muss ich auch erwähnen, dass ich für Weißwein nicht sehr viel übrig habe. Bis jetzt sind sämtliche Versuche gescheitert, mich für Weißwein zu begeistern. Und das ausgerechnet im Rieslingland Deutschland! An der Stelle möchte ich mich kommentarlos auf einen bulgarischen Song berufen, in dem man den Weißwein besingt. Das ist übrigens auch der einzige mir bekannte Song, in dem es um Weißwein geht und wörtlich übersetzt singt man Folgendes:

„Ach du Weißwein, warum bist du denn nicht rot!“

Ohne Kommentar :D.

Dementsprechend könnt ihr euch vorstellen, dass ich euch jetzt nur von Rotwein berichten werde. Ich mag Rotwein und den am besten schwer und kräftig, bloß nicht zu süß (trocken?) und vorzugsweise im Barrique gereift. Barrique sagt mir wohl mit seinen hölzernen und vanilligen Noten zu.

Mittlerweile bin ich nicht mehr der Überzeugung, ein Wein ist dann gut, wenn er total ausgewogen schmeckt. Ein Wein ist (für mich) gut/interessant, wenn er Charakter hat, so dass man sich daran erinnern kann. Denn ich bin in mancher Hinsicht sehr vergesslich…Im Zusammenhang mit dem Geschmack beobachtet man oft eine gängige Reaktion beim Probieren von Wein: „mmm, lecker“. Wenn es ein Wort in der deutschen Sprache gibt, das ich nicht mag, dann ist es das arme Wort „lecker“. Lecker ist etwas, was allen schmeckt. Lecker ist die kleine Schwester von Langweilig. Übrigens, so was sehr Ähnliches habe ich in (m)einem Weinbuch schon mal gelesen und fand es sehr treffend. Und seitdem habe ich beschlossen, nie „lecker“ zu einem Wein zu sagen. So habe ich den armen Mr. G an diesem Tag auch mehrmals gemaßregelt, bis er resigniert auf das Wort „interessant“ umgestiegen ist.

Aber nun endlich zu den Weinen auf der Weinmesse:

Ich fange mit Syrah an. Syrah-Weine sind sehr interessant, denn man kann aus dieser Rebsorte sehr langlebige Weine kreieren, die sich mit der Zeit spannend entwickeln können. Oder aber auch nicht, wenn sie nicht gut konzipiert sind. Jedenfalls müssen Syrah-Weine länger reifen, um die Adstringenz (das sog. pelzige Gefühl auf der Zunge) zu vermindern. Das weiß ich von meinem VHS-Weinkurs und von Wikipedia 😉 .

Da überrascht es nicht, dass meine erste Probe am Stand von Loggio mit einem Syrahwein startet. Ich probiere den Lucuis. Hier gefällt es mir unter anderem, dass zu jedem Wein eine Geschichte erzählt wird:

Weinmesse Stuttgart

So kann man eine persönlichere Bindung zum Wein seiner Wahl entwickeln. Hier entscheiden wir uns für den Lucuis Jahrgang 2008:Weinmesse Stuttgart Am Weinstand von Roll, finde ich ebenfalls einen Wein, der mir gut gefällt, aus der Rebsorte Saint Laurent. Diese liege geschmacklich zwischen Portugieser und Pinot Noir und soll Weine mit mittlerem Körper entstehen lassen (laut Wikipedia). Also packe ich auch diese Flasche ein, nachdem ich kurz mit dem Winzer geplaudert habe. Endlich ein Winzer, der offen gesteht: „Mich kannst du mit Chardonnay jagen!“. Da sind wir schon zwei ;):

Weinmesse StuttgartAuch der Spätburgunder Auslese von Munzinger mundet (der erste von rechts), auch wenn der Winzer einen Werbekugelschreiber erst beim Kauf rausrückt 😀 .

Danach probiere ich einen Barolo und einen Brunello Di Montalcino, auch ein paar andere Spätburgunder, die mich aber nicht ausreichend überzeugen.

Bis ich am kleinen und nicht so opulenten Stand vom Weingut Daniel aus Niederkirchen vorbeikomme. Die grünen Logos wirken eher frisch und leicht auf mich, was mich eher an Weißwein erinnert… Aber wie soll es anders sein, hier probiere ich meinen persönlichen Favoriten an diesem Tag:

2009 Pinot Noir Auslese, trocken, 36 Monate im Barrique gereift.

Am Anfang finde ich ihn für einen kurzen Augenblick leicht bitter und ganz plötzlich verschwindet dieser Geschmack, rollt sich seitlich zu den Zungenrändern hinaus und löst sich wohlwollend auf. Ich weiß nicht genau, was mir an diesem Wein so gefallen hat, aber mir ist dabei ein spontanes „Wow!“ über die Lippen gerutscht. Ich bestelle 3 Flaschen. Der Preis pro Flasche liegt bei 17,80€, was schon im oberen Mittelfeld (für meine Verhältnisse) ist. Der Winzer erzählt mir, dass der intensive Geschmack unter anderem durch einen (bewusst) niedrigen Ertrag pro Hektar erzielt wird. Dadurch ist der Preis auch etwas höher. So ist das halt: „Was nix koschd‘, isch au nix.“ 😉 . Leider kann ich kein Bild liefern, denn der Wein war am Stand nicht mehr vorrätig und musste nachbestellt werden.
Gleich nebenan steht auch noch ein Stand mit kleinen Schokopralinen in Gugelhupf-Form, mit Kakaopuder überzogen:

Weinmesse Stuttgart
Nun ja, Wein und Schokolade sind ein altbekanntes Paar, aber als ich eine Praline auf meiner Zunge zergehen lasse und dabei von dem besagten Pinot Noir ein Schlückchen nehme, entweicht mir das zweite spontane „Wow!“ des Nachmittags. Also müssen die Pralinen auch mit. Dabei plaudern wir eine Weile mit dem Aussteller Miguel: dunkle Locken, dunkleres Teint, ausländische Gesichtszüge…

Weinmesse Stuttgart

Wir versuchen seine Herkunft zu erraten: kroatisch, ungarisch, ägyptisch (ich sage mit Absicht nicht spanisch oder südamerikanisch). Hm, weit gefehlt. „Miguel“ ist ein waschechter Schwabe und offiziell unter dem deutschen Vornamen Michael bekannt :D! Naja, nebenbei verrät er uns, da war was mit seiner Großmutter und einem fremdländischen Offizier im zweiten Weltkrieg 😉 . Von irgendwoher müssen ja die schwarzen Locken auch kommen.
Jedenfalls sehr nettes Gespräch und sehr gute Schokolade, was will man mehr?!
Unser Besuch endet am Trüffelstand, an dem ich eine sogenannte Trüffelperle erstehe: Hartkäse mit schwarzen Trüffeln:

Weinmesse StuttgartIch bekomme nur wenige hauchdünne Raspeln zum Verkosten, aber sie schmecken so aromatisch und intensiv, dass ich auch hier zuschlage. Wieder etwas, was ich heimlich und alleine essen kann, denn der Preis ist auch hier heiß: 12.90€ für eine „Perle“ von der Größe eines Eis (60g).

Weinmesse Stuttgart

Fast so teuer, wie manch meiner Lieblingstees. Aber was soll’s, am Essen sollte man nach Möglichkeit nicht sparen.
Und so sind wir am Ende dieses langen Beitrages angekommen. Unterm Strich war der Besuch für mich sehr erfahrungsreich und meine Mission, gute deutsche Weine zu finden, gilt als erfüllt! Wie schon so oft, gute Qualität ist oft direkt vor unserer Nase. Man muss nur alle Sinne offen halten.

Vielen lieben Dank fürs Lesen 🙂 !

P. S. Was denkt ihr über deutsche Weine? Vielleicht könnt ihr mir weitere Empfehlungen aussprechen?

Meine Buchempfehlungen zum Thema Wein:

Einfach Wein

Grundkurs Wein: Alles, was Sie über Wein wissen sollten

Das könnte auch interessant sein...

3 Antworten

  1. … anschaulich und amüsant geschrieben.Danke. Wir haben zwar nicht den gleichen Weingeschmack – ich liebe auch Weißweine -, aber wo kämen wir hin, gäbe es nur noch den einen Wein. Nur gelebte Vielfalt der Weinkonsumenten schützt vor dem Einheitswein.

    Lass dir die Schokies schmecken!

    • Vielen Dank!! Dem stimme ich vollkommen zu! Und was mit mir und den Weißweinen noch nicht ist, kann noch werden, wer weiß ;)… Bis vor 3-4 Jahren habe ich weder Tee noch Wein gemocht und jetzt liebe ich beides.

      Viele Grüße nach Teneriffa :)!

  2. … das ist genau die richtige Einstellung: offen sein. Beste Grüße zurück.

Schreibe einen Kommentar! Ich freue mich auf Dein Feedback!

Werde ein Fan von The Hiking High Heel!schliessen
oeffnen
%d Bloggern gefällt das: