Secret Cinema London :: Pssst… enjoy & tell no one

Die Pailletten an meinem schwarzen Charleston-Kleid rasseln geheimnisvoll. Die Haare sind zu einer Wasserwelle gestylt und mit einem grünen Fascinator geschmückt.

Secret Cinema London

Smokey Eyes, leuchtend rote Lippen, dramatische Netzstrümpfe und Spangenpumps, nach Vanille duftenden Zigarillos, eine schwarze Federboa – ich bin fast fertig für meinen Besuch im Pharao Club in der geheimen Beaumont City. Ich brauche nur meine Perlen. Denn ein Mädchen ist nichts ohne seine Perlen… Heute Abend trage ich den Undercover-Namen Sandra. Sandra Marble. Meine geheime Begleitung, alias Mr. Victor Polk, richtet seinen Hut mit dem roten Satinband und bereitet sich mental auf sein Treffen mit einer anderen geheimen Gestalt von Beaumont City – Mr. Arroyo.

Ich lasse mich von einem schwarzen Londoner Taxi zur geheimen Location fahren. Der Taxifahrer stellt keine Fragen. Stolze 26€ später macht er mir die Tür auf und reicht mir die Hand: ich kann wie eine echte Lady aussteigen.

Überall stehen Frauen und Männer – schwere Perlenketten, Fransenkleider, Stirnbänder mit roten und grünen Federn treffen auf elegante Herrenhüte, Hosenträger, Fracks und weiße Gamaschen.

Der Taxifahrer bleibt unerschüttert. Anscheinend hat er in seiner Laufbahn schon einiges gesehen.

Am Eingang von Beaumont City muss ich leider den letzten mir verbliebenen Gegenstand aus dem 21. Jahrhundert abgeben – mein Handy. In Beaumont City sind keine Handys erwünscht. Schließlich befinden wir uns heute Abend im Jahr 1920.

Ich betrete Beaumont City und stehe nach wenigen Metern am Eingang des Pharao Clubs. Aus dem Raum drängen Gelächter und live Charleston Musik.

Vor mir steht eine Frau mit kurzen frisierten Haaren. Sie trägt ein langes, hautenges, rotes Kleid und lange Samthandschuhe. Zwischen ihren Fingern steckt eine auffällige Zigarettenspitze. Sie zieht daran und bläst den Rauch laaaangsam aus, ihre dunkel geschminkten Augen mustern mich unter schweren, schwarz getuschten Wimpern von Kopf bis Fuß.

„Love your dress, darling“, sagt sie mit tiefer heiserer Stimme. „Are you looking for someone?“

Was wird hier gespielt…? Ich erkläre brav, dass ich mit einem Freund hier bin, wir am Ausgang aber getrennt wurden… Denn er sollte seinerseits Mr. Arroyo in der chinesischen Wäscherei treffen…

„Mike…“, ruft die Frau laut, ohne den Blick von mir abzuwenden.

Ein junger Kerl mit roter Fliege, tadellosem Frack und gegelten Haaren materialisiert sich wie aus dem Nichts und reicht mir gentlemanlike die Hand.

„In Beaumont City, we make new friends…“, sagt er verhängnisvoll und küsst mir charmant die Hand. Dann führt er mich in den Pharao Club ein. An der Bar bestellt er mir einen Gimlet und wenig später finde ich mich am Roulettetisch. Ich habe leider kein Bargeld dabei. Nur meine Perlen. Und meine Business Cards.

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Gegen eine Business Card kann ich mich in der Filiale der American Union Bank legitimieren und 250$ von meinem Konto abheben. Diese verspiele ich fast am obengenannten Roulettetisch.

Mr. Bannam platzt gerade rechtzeitig mit seinem Gefolge rein, um mich vor einem vorläufigen Bankrott zu retten.

Am kleinen Finger trägt er einen goldenen Ring. Den Finger hält er gespreizt, während er leger an seiner dicken Zigarre zieht. Ich erinnere mich – in der Einladung stand, dass er gerne Zigarren raucht… Die Musik hört auf zu spielen, alle Blicke sind auf Mr. Bannam gerichtet. Mit demonstrativer Stimme erzählt er uns, dass man hier, in Beaumont City, Freunde und Loyalität besonders schätze. Vertrauen sei das oberste Gebot. Und wie sehr es wehtue, wenn ein Freund dieses Vertrauen missbrauchen würde. Nach einer erdrückenden Pause bleibt sein Blick an Tony haften – einem jungen Mann in der Uniform eines Hotelpagen, der demütig mit gesenktem Kopf vor ihm steht. Drama und Bedrohung hängen in der Luft. Wir alle spüren, dass gleich etwas Schlimmes passieren würde. Mr. Bannam legt seine schwere Hand auf den Nacken von Tony und zieht ihn mit einer vermeintlich brüderlichen Geste zu sich. Tony fängt an, leise zu winseln.

„Bist du auch unser Freund, Tony?“ fragt Mr. Bannam den Pagen, sein Blick ist aber auf die Menge gerichtet.

„Bist du das – unser Freund – Tony?“ wiederholt er noch mal lauter. Auch Tonys Wimmern wird lauter.

„Dann zeige ich dir gleich, was wir mit solchen Freunden machen, Tony“ verkündet Mr. Bannan stolz und ein diabolisches Lächeln verzerrt sein Gesicht.

Ein lautes Knacken, gefolgt von einem schrillen Geschrei, und der erste Finger ist gebrochen. Tony winselt und windet sich qualvoll im eisernen Griff von Mr. Bannam. Voller Tränen fleht er ihn an, aufzuhören – was ihm vorgeworfen wird, würde nie wieder vorkommen. Statt Antwort bricht ihm Mr. Bannam noch drei weitere Finger. Die Menge ist still wie ein Mäuschen.

Plötzlich stürmt die Polizei den Pharao Club und bewahrt Tony vor einem weiteren Akt freundschaftlicher Zuneigung. Chaos bricht aus, Frauen schreien und werden ohnmächtig. Die Polizei schließt den Haupteingang, niemand dürfe den Club verlassen. Ihnen sei zugetragen worden, dass man in diesem Club gegen das Alkoholverbot verstoßen würde.

Mr. Bannam nutzt das Durcheinander und verschwindet in Windeseile mit seiner Entourage durch den Hintereingang… Auch Tony räumt blitzschnell das Feld, schließlich wurden ihm nur vier Finger gebrochen, nicht die Beine. Die Polizei stresst noch ein bisschen und verhaftet ein paar Leute.

Sobald sie mit den „Verbrechern“ den Club verlassen haben, beginnt die Musik wieder zu spielen, die Gäste unterhalten sich und die Würfel rollen wieder über den grünen Samt des Roulettetisches. Als wäre nichts passiert…

Nur Gil, meine Sitznachbarin, ein paar andere und ich wissen nun, wie unsere neue Mission lautet: als die Polizei dem Strafritual ein jähes Ende bereitete, flüsterte Mr. Bannan halblaut in unsere Richtung: „Folgt mir!“. Wir verlassen unauffällig den Pharao Club und machen uns auf die Suche nach Mr. Bannam.

***

Diese Gangstereinlage aus den 20er Jahren ist nur der Auftakt eines mehrstündigen Schauspiels mit anschließender Filmausstrahlung – es handelt sich dabei um einen Kinobesuch der besonderen Art, organisiert von Secret Cinema in London. Secret Cinema findet in regelmäßigen Abständen statt, unter einem anderen Motto und in einer anderen Umgebung, passend zu dem Film, der gezeigt wird. Mit ca. 70€ ist das mein teuerster Kinobesuch überhaupt, aber wenn man die aufwendige Organisation, Aufmachung und zuletzt auch den Spaßfaktor mitzählt, ist es sein Geld durchaus wert.

In unserem Fall geht es um Beaumont City – ein altes weitläufiges Gebäude (alte Schule?) im Nordwesten von London, das authentisch und dem Stil der 20er Jahre entsprechend dekoriert ist. Die Teilnehmer können sich frei in der „Stadt“ bewegen, Geheimnisse aufdecken, Eindrücke sammeln und werden von den Schauspielern in das Geschehen und das Leben von Beaumont City einbezogen. Wie du es schon erahnen kannst, ist Beaumont City eine fiktive Stadt, ausgestattet mit Nachtclub, Polizei, Bankfiliale, Gerichtssaal, chinesischer Wäscherei und und und…

Im Laufe dieses denkwürdigen Kinoabends erleben wir noch ein dramatisches Liebesdreieck mit Femme fatale, Nerzstola und geladener Waffe, eine echte Gerichtsverhandlung aus den 20ern Jahren, einen live Boxkampf, eine Schießerei zwischen verfeindeten Gangstern. Wir kommen dahinter, wie wir die Bankkonten von anderen Besuchern in Beaumont City mit ausgetauschten Business Cards plündern können und verspielen ihr Geld am Roulettetisch. Mit dem restlichen Geld bestechen wir einen Polizisten namens Corrupto, der uns Hinweise über den Verbleib von Mr. Bannam gibt.

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Viel zu viel, um echt zu sein…

Und auch darüber, welchen Film wir später zu sehen bekommen werden. Denn all diese Szenen sind letztendlich dem Film nachempfunden und sollen uns helfen, den Film zu erraten.

Kurz bevor wir in den riesigen Kinosaal gerufen werden, kommt ein Mädchen auf uns zu, drückt uns eine Schachtel in die Hand und sagt, dass diese von einem guten Freund von Florance sei. Florance ist die Frau im roten Kleid. Wir sollten sie finden und ihr dieses kleine Geschenk überreichen. Und natürlich dürfen wir auf keinen Fall die Schachtel öffnen. Selbstverständlich versprechen wir, diese unangetastet zu lassen.

Darin finden wir eine Tüte Vollmilchpralinen und 100$.

Noch aufgewühlt von den Geschehnissen, aber gewappnet mit den stresskillenden Pralinen lassen wir uns auf unsere Plätze fallen und genießen den Film als krönenden Abschluss.

Kennst du Secret Cinema? Rate mal, welcher Gangsterfilm ausgestrahlt wurde?

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6 Antworten

  1. leonieloewin sagt:

    Das liest sich wirklich spannend. Habe ich noch nicht gehört. Raten? Besser nicht 🙂 LG Leonie

  2. Annika sagt:

    Liebe Dana,
    das hast du wirklich spannend erzählt. Erinnert mich ein bisschen an ein Krimi-Dinner. Den Fim kann ich leider nicht erraten. Aber du hast mich total neugierig gemacht das Secret Cinema auch mal selbst auszuprobieren. Gibt es sowas ähnliches auch in Deutschland?
    LG
    Annika

    • Hallo Annika!

      vielen lieben Dank, freut mich, dass der Artikel dir gefallen hat! Ja, der Vergleich ist ziemlich passend, nur war es viel mehr los 😉 , als bei einem Krimidinner.
      Ich glaube, so was hätte es auch in Berlin gegeben, bin aber nicht sicher. Secret Cinema hat auch eine FB-Fanpage, evtl. veröffentlichen sie dort so etwas.

      Liebe Grüße

  3. carmen.on.the.road sagt:

    Das ist echt eine coole Sache! Muss ich unbedingt mal ausprobieren, wenn ich wieder in London bin! Wirklich schade, dass es hier so etwas nicht gibt! Lüftest du noch das Filmrätsel? 🙂

    • Oh, das habe ich tatsächlich vergessen – der Film war Miller’s Crossing von den Coen-Brüdern. Den Film selbst fand ich nicht ganz so spannend, aber hatte Atmosphäre und es hat gepasst 🙂

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