Auf dem Karwendel – Gratwanderung für Einsteiger

Nachdem ich letztes Jahr meine Klettersteigpremiere in den Dolomiten hatte, konnte ich mir nicht vorstellen, dass der diesjährige Sommer ohne jegliche Bergerlebnisse für mich vorbei sein könnte.
Das hat mich letztes Wochenende dazu veranlasst, mich kurzerhand ins Auto zu schwingen, passende Begleitung und Klettersteigset in den Kofferraum zu verstauen und unter dröhnenden Fanfaren (in meinem Kopf) nach Mittenwald in der Nähe von Garmisch-Partenkirchen zu fahren. Nach so langer Klettersteigabstinenz hatte ich mich für einen gut 30 Jahre alten Klassiker entschieden – den Mittenwalder Klettersteig.

Dieser Klettersteig punktet gleich in mehreren Bereichen:

* Er ist „nur“ etwa drei Stunden von Stuttgart entfernt,
* ist sehr gut gesichert und gepflegt,
* verläuft z. T. direkt auf dem Grat und ermöglicht einen fantastischen Panoramablick ins Tal und
* hat einen KURZEN Zustieg!

Ein kurzer Zustieg ist in der Tat eine feine Sache und trägt bei mir erheblich zur Attraktivität eines Klettersteigs bei. Nach einigen erlebnisreichen Klettersteigwanderungen in den Dolomiten, war ich vor einiger Zeit hochgradig erfreut, diesen Klettersteigführer zu entdecken: Klettersteige mit kurzen Zustiegen. Dank der Hinweise im Buch war das Klettersteigprogramm für den spontanen Kurztrip schnell zusammengestellt.

Vorerst entspannt erreicht man den Mittenwalder Klettersteig – nämlich mit der Karwendelbahn (15€ einfache Fahrt, 3€ Parkplatzgebühr). Und obwohl man schnell am Startpunkt ist und manche den Klettersteig eher als Höhenweg bezeichnen, ist er nicht zu unterschätzen. Allein im Klettersteig verbringt man je nach eigener Geschwindigkeit etwa drei Stunden. Der Klettersteig ist gut gepflegt und bietet ideale Bedingungen für Klettersteig-Anfänger – viele Sicherungen und keine nennenswert schwierigen Passagen, auf denen der frische Bergsteiger sich Schwindelfreiheit und Trittsicherheit aneignen kann.

Dennoch, an einigen Stellen sollte man besonders gut aufpassen, nicht nach rechts oder links auszurutschen und sich unfreiwillig einem Einweg-Ganzkörperpeeling zu unterziehen.

Mittenwald-Karwendel

Auf unserem Weg werden wir von einigen flotten Gruppen überholt – die meisten machen von ihrem Klettersteigset keinen Gebrauch, laufen leichtsinnig ohne Sicherung weiter und geben einem zu verstehen, dass sie viel schneller sind und alles im Griff haben. Auch wenn der Weg direkt auf dem Rückgrat des Berges verläuft und rechts und links nur der Abgrund klafft. Es läuft zwar alles gut, aber die vielen kleinen Denkmäler von im Klettersteig verunglückten Personen deuten auf das Gegenteil hin. Ich lasse mich deswegen nicht hetzen und laufe gemächlich in meinem eigenen Tempo weiter.

Dann kann ich sogar anhalten und direkt vom Grat ins Tal schauen. Die Aussicht ist schier endlos. Unten schlängelt sich die türkisfarbene Isar zwischen saftigen grünen Wiesen, der Wind pfeift wild in meinen Haaren, die schroffen Felsspitzen gehören mir. Heiße Sonnenstrahlen und eisige Frische treffen aufeinander und für einen kurzen Augenblick ist sie doch da – die kristallklare Stille, wie sie einem nur in den Bergen begegnet… Unbezahlbar…

Mittenwald-Karwendel

Sehr bald treffen wir auf die nächste Truppe angehender Alpinisten – einen Vater und seinen Sohn, der etwa 12-13 Jahren alt ist. Der Vater läuft einige Meter vor dem Jungen und der letztere kraxelt munter und unbedacht über den schmalen ungesicherten Pfad. Unwillkürlich kreuzt der Spruch „Hochmut kommt vor dem Sturz“ meine Gedanken, da macht der Junge einen seltsamen Sprung und im Nullkommanix rutscht er den steilen Hang hinunter. In letzter Sekunde schafft er es, sich am Wegesrand festzuhalten. Eine Schrecksekunde für uns alle, aber auch diesmal läuft Gott sei Dank alles gut. Der Vater zieht seinen Sprössling raus und lässt ihn diesmal VOR SICH laufen – hinterher ist man immer schlauer.

Inzwischen brauen sich schwarze Wolken am Horizont zusammen.

Donner zerreißen die Bergluft und wir dürfen zusehen, wie sich strömender Regen über das Tal und die Gipfel in der Ferne ergießt. Gewitter im Gebirge – dieses Extra habe ich nicht bestellt. Schon gar nicht solange ich an „dem besten Blitzableiter der Welt“ – dem Klettersteigdrahtseil – angebunden bin. Ich habe Sonne, Friede, Freude, Eierkuchen bestellt und diese haben wir noch – über unseren Köpfen ist der Himmel tiefblau ohne ein Wölkchen. Und so treten wir den Abstieg im Schoß der Tiroler Hütte an.

Der fast dreistündige Abstieg ist nicht ganz nach meinem Geschmack. Ich mag keinen Abstieg. Während ich mit zunehmenden Knieschmerzen meine Gelassenheit irgendwo auf dem Weg zurücklasse, sehe ich vor meinem geistigen Auge den perfekten Klettersteig: mit kurzem Zustieg und kurzem Abstieg – ein Traum! Aber dabei bleibt es auch, beim Träumen. Mit meinen Wanderstöcken, die ich dir beim Abstieg wärmstens empfehlen würde, schaffe ich es strammen Schrittes bis zur Brunnsteinhütte. Hier gönnen wir uns ein nicht zu klein geratenes Stück Apfelkuchen, der dabei sagenhaft schmeckt. Nicht ganz passend zum Apfelkuchen, aber dennoch auch auf der Brunnsteinhütte zu finden – eine sogenannte Biotoilette. Das ist eine Toilette, die das… äääh… Toilettenprodukt in fruchtbare Erde für Blumen und sonstiges umwandelt. An der Tür hängt ein Schild, auf dem sich der Hersteller ausdrücklich bei dem Besucher für seinen „Beitrag“ bedankt. Hauptsache, der Apfelkuchen ist im Umlauf. Sozusagen.

Gestärkt machen wir uns danach wieder auf den Weg nach unten und liefern uns ein kleines Intermezzo mit dem hütteneigenen Esel – dieser sei den ganzen Tag angebunden gewesen, heißt es, und nun nutze er die temporär erlangte Freiheit, um die Wanderer aufzumischen, die die Hütte friedlich verlassen wollen. So stehen wir uns kurz im Weg – Esel gegen Steinbock, der Klügere gibt nach und wir dürfen passieren.

Nach etwa einer Stunde hat auch dieser Abstieg ein Ende und nach einem weiteren, nicht mehr nennenswerten, dreißig-minütigen Fußmarsch erblicken wir unser Auto – fix und foxy aber happy fahren wir in den Sonnenuntergang und schnurstracks in die Sauna unserer Pension „Alte und Neue Mühle“.

Leutasch_Alte_Neue_Muehle

Denn, wie bei vielen Dingen im Leben, nicht der Anfang, sondern vor allem das Durchhalten wird zum Schluss belohnt – in unserem Fall mit Wellness für alle Sinne.

Warst du schon mal klettern in den Bergen? Wäre ein Klettersteig was für dich?

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6 Antworten

  1. carmen.on.the.road sagt:

    Wow – tolle Aussicht! Ich hoffe, ich beginne dann nächstes Jahr auch meine Klettersteigpremiere! 🙂

  2. Anke sagt:

    Die Aussicht ist ja wirklich fantastisch!! 🙂 Mein Mann hat leider eine recht ausgeprägte Höhenangst, sodass Klettersteige und alles zu nah am Abgrund für uns nicht in Frage kommt. Aber die Bilder und Berichte zu lesen macht ebenso Spaß und es gibt ja zum Glück genug Bergtouren, die auch für Höhenangst-Menschen in Frage kommen 🙂

    • Hallo Anke,

      wenn ich ehrlich bin, mir ist oft auch ein bisschen mulmig und ich bekomme zittrige Knie ;). Aber die Aussicht und das Gefühl, sich getraut zu haben, entschädigen dann ;)!
      Und speziell dieser Klettersteig wäre in der Tat gut zum Eingewöhnen, wenn man es dennoch ausprobieren möchte.

  3. Thomas sagt:

    Das klingt sehr spannend! Im nächsten Jahr muss ich auch unbedingt mal Klettersteige gehen. Mein Favorit ist momentan die Tour auf die Ellmauer Halt im Kaisergebirge. Noch bin ich mir aber nicht ganz sicher, ob diese was für Anfänger ist.

    • Klettersteigen ist wirklich toll, ich liebe es! Aber es kann auch sehr tükisch/gefährlich sein, wenn man nicht aufpasst – worüber ich die Tage auch berichten werde ;). Aus dem nächsten Beitrag kannst du dir gern ein paar Anregungen (auch für Anfänger) zu diesem Thema holen.

      Viele Grüße,

      Dobrena

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