Nach der Zugspitze ist vor der Zugspitze

…oder Gelegenheit macht Gipfelstürmer…

„Eigentlich könnten wir heute auf die Zugspitze…“ sagt Mr. Partus, während wir an Garmisch-Partenkirchen vorbeifahren.

„Nix Zugspitze!“, widerspreche ich energisch. „Wir nehmen die Alpspitzbahn und machen dann die Alpspitz Ferrata.“

70 km später stehen wir vor der Alpspitzbahn bei Nesselwang. Das Wetter ist hervorragend, die Bahn hat geöffnet, alle Voraussetzungen für ein gelungenes Klettersteigabenteuer liegen vor. Wir kaufen die Tickets. Alles super. Dann schaue ich auf die Karte, die am Schalter ausliegt, und bin geringfügig irritiert, warum die Bergbahnstation auf ca. 1500 m angezeichnet ist. In meinem Buch steht „2200 m“. Hm, ja, auch die Berge scheinen mir etwas zu niedrig. Ach, das wird schon passen. Nur will ich mich vergewissern, dass die Bahn noch geöffnet hat, wenn wir mit der Ferrata fertig sind und glücklich und angenehm ausgepowert wieder runter ins Tal fahren wollen.

„Wasischndes, Ferrata?“ fragt die Frau an der Kasse.

Mein linkes Auge zuckt nervös. Wie kann sie denn hier arbeiten und nicht wissen, was eine Via Ferrata (Klettersteig) ist?! Und vor allem, welche Ferrata ich meine. Ich reiße mich zusammen und verkneife mir einen einschlägigen Kommentar, der mir in jüngeren Jahren zweifelsohne über die Lippen gerutscht wäre.

„Das ist ein Klettersteig…???“ antworte ich in einem Ton, der eher auf die Aussage hindeutet: „Klingelt’s langsam bei Ihnen?!“.

„Mir hen hier koine Ferrata. Des, was Se meinet, isch bei Garmisch-Partenkirchen. Dr Nächste bidde!“

Uih, das hat gesessen.

Mooooment. Bei genauerem Inspizieren meines Klettersteigbuches finde ich doch einige Hinweise, die auf die richtige „Alpspitzbahn“ hindeuten, an der wir vor 70 km vorbeigefahren sind. Nämlich als ich vorhin, die Zugspitze, The Top Of Germany, verschmäht hatte…

Mein linkes Auge zuckt wieder. Ich bin stinkig. Heute auf mich selber. Mr. Partus schmunzelt. Die Genugtuung über meine misslungene Navigation scheint seinen Frust erfolgreich zu toppen.

Abgesehen von den umsonst gefahrenen Kilometern reicht der Zeitverlust schon aus, dass unser Klettersteigplan ins Wasser fällt. Es ist schon Mittag und wir würden es zeitlich nicht mehr schaffen, zurückzufahren, den Klettersteig zu machen und noch die „richtige“ Alpspitzbahn zu erwischen.

Eine Entscheidung muss her.

„Eigentlich könnten wir heute auf die Zugspitze…“ eröffne ich Mr. Partus meinen Plan B.

Heimlich danke ich der Fügung, dass ich keine männliche Zicke im Schlepptau habe.

Gesagt-getan, Zugspitze, wir kommen!

Aufgrund der übernatürlichen Gelassenheit von Mr. Partus verläuft die Rückfahrt nach Garmisch überaus erfreulich und entspannt. Nur ist das Wetter bei unserer Ankunft am Eibsee nicht mehr ganz so sonnig. Die Sonne geht vollends unter, als ich wenig später den Preis für die Bahnfahrt zum höchsten Biergarten Deutschlands erfahre: 51€ p. P. Hin- und Rückfahrt für kombiniertes Fahren mit der Eibseeseilbahn, Gletscher- und Zahnradbahn. Es ist 14:30, die letzte Bahnfahrt zurück ist um 16:15.

Die Frau an der Kasse lässt uns wissen, dass es sich eigentlich nicht mehr lohnt hochzufahren.

„Es ist nicht mehr sooo schöööön da oben“, deutet sie auf den Monitor hin, der mit der Webcam auf der Zugspitze verbunden ist. Auf dem sieht man nämlich nichts, nur Nebel.

Eine Entscheidung muss her.

„Wir fahren!“ sage ich voller Freude.

„Sollen wir die Klettersteigsets mitnehmen?“ fragt Mr. Partus.

„Nööö, wozu denn??“ winke ich nur lässig.

Wenig später stehen wir und eine indische Familie in der Gondel, die uns nach oben bringt. Die letzten Enthusiasten. Der „Gondoliere“ erklärt uns, dass wir auch mit der Tiroler Seilbahn hätten fahren können, die nur 39€ gekostet hätte. Diese befindet sich in Ehrwald, Österreich, nur wenige Kilometer weiter und daran sind wir auch vorbeigefahren.

Dann hätten wir aber nicht erfahren, dass die Eibseeseilbahn mit sagenhaften 36km/h 1950 Höhenmeter und somit „den größten je in einer Sektion verwirklichten Höhenunterschied aller Pendelbahnen der Welt“ überwindet (Quelle: Gondelfahrer und Wikipedia)!

Zugspitze-8

Zugspitze-9

Dazu kommt, dass der Eibsee von oben wirklich wunderschön anzusehen ist. Auch wenn das Bild es nicht ausreichend wiederzugeben vermag:

Zugspitze

Ich verschwende keinen Gedanken daran, mich zu fragen, ob ich den Eibsee von der Tiroler Seilbahn aus ebenfalls gesehen hätte. In diesem Moment kommt uns eine Gondel entgegen und huscht mit bemerkenswerter Geschwindigkeit an uns vorbei. Es kommt einem vor, als würde sich die Gondel fast im freien Fall befinden.

Nach nicht mal 10 Minuten sind wir schon oben. Zum Vergleich, die Fahrt mit der Zahnradbahn nach unten dauert über eine halbe Stunde und die meiste Zeit fährt man durch einen Tunnel.

Auf der Zugspitze wimmelt es noch vor Touristen und die meisten davon tragen Flip Flops. So viel zum Thema Bergfeeling… Ich, ausgestattet mit alpinen Klettersteigstiefeln, spezieller Softshell Jacke und Hightech Rucksack komme mir etwas „overdressed“ vor.

Wie dem auch sei, wir machen das Beste daraus und laufen ein bisschen im Nebel herum und genießen den imaginären Vier-Länder-Blick, wie auch diese Dame hier:

Zugspitze-15

Im selbigen Nebel muss man nicht nur die vier Länder, sondern auch die Zugspitze ein wenig suchen:

Zugspitze-3

Mit leichter Verbitterung stelle ich fest, dass wir doch zumindest zum Gipfel hätten laufen können. Wenn wir unsere Kletterausrüstung nicht im Auto gelassen hätten…

Wenigstens kann Django noch einen verträumten Blick auf die Zugspitze werfen:

Zugspitze-2

Es gibt aber auch Besucher, die völlig unbeeindruckt von der Zugspitze und dem Wetter sind:

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Mir kommt die Überlegung, mich mit einem Bier über das komische Wetter hinweg zu trösten, aber auch Deutschlands höchster Biergarten auf der Aussichtsplattform lädt nicht gerade zum Verweilen ein:

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Somit hält uns hier nichts mehr und wir begeben uns zur Gletscherbahn, um die vorletzte Fahrt zum Gletscher zu erwischen.

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Das ist mein erster Gletscherbesuch und ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, mich auf einer riesigen Baustelle zu befinden.

Zugspitze-13

Dennoch lässt sich die raue Schönheit der Umgebung mit der passenden Kameraausrüstung gut einfangen:

Zugspitze-5

Zugspitze-6

Kurz bevor auch die letzte Zahnradbahn den Gletscher in Richtung Eibsee verlässt, gönnen wir uns ein bisschen Rodelspaß, womit wir auch die einzige nennenswerte Bergaktivität an diesem Tag verzeichnen:

Zugspitze-12

In der Zahnradbahn lässt sich danach prima ein Nickerchen machen, bevor man sich auf den 3-stündigen Weg zurück nach Hause macht.

Fazit: Viele Wege führen auf die Zugspitze und die Mischung macht den Spaß.

Manchmal erlebt man einen lustigen und erinnerungsreichen Tag erst dadurch, dass aber auch gar nichts nach Plan verläuft, das Wetter nicht mitmacht, die Bilder nicht ganz gelingen, und weibliche Intuition und Orientierungsgefühl versagen.

Warst du auch schon mal auf der Zugspitze? Wie fandest du den Vier-Länder-Blick?

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12 Antworten

  1. carmen.on.the.road sagt:

    Wie heisst es so schön – manchmal verliert man und manchmal gewinnen die anderen 🙂 Mir persönlich gefallen die beiden Bilder mit den Sonnenlicht-Spots im Gebirge allerdings ziemlich gut!

  2. Phi sagt:

    Ach, Kleine 😉
    Frag mich doch, Wenn du solche Aktionen startest. Ist ja nicht so, dass die Berge da unten quasi vor meiner Haustür liegen, ich sowohl auf der Zugspitze (bäh) als auch auf dem Albspitz (viel besser) schon selbst war und noch dazu ne Freundin habe, die jeden (wirklich jeden) Klettersteig weit und breit schon durch hat. Beratung wäre also kein Problem.
    Müsstest dich halt mal melden;-)

  3. Julia sagt:

    Sehr schöne Bilder. Es ist leider viel zu lange her, das ich dort mal war. Als Kind mit meinen Großeltern. Da würde ich zu gerne wieder hin und noch mal alles sehen und anschauen.

    Wünsche dir einen schönen Sonntag
    Julia
    #‎BloKoSo‬

  4. Kerstin sagt:

    Haha, des hast so cool geschrieben! Und das Foto der Dame mit Nebelaussicht – zum Kringeln! 🙂

    • 😀 danke! Ich überlege ernsthaft, ob ich nicht noch einen Versuch starte den vermeintlichen Klettersteig zu machen und die Zugspitze nun aus eigener Kraft zu bezwingen. Könnte sein, dass sich mir der Vier-Länder-Blick doch offenbart 😉

  5. Hey, das ist ein sehr spannender Beitrag! Das zeigt wieder mal: manchmal kommen die Dinge ganz anders als geplant und es wird zu einem unvergesslichen Erlebnis! 🙂

  6. Biene sagt:

    Grandiose Geschichte! Das hätte uns auch passieren können – wir sind kürzlich von unserem Navi nach Hirsegg im Emmental statt nach Hirsegg im Entlebuch gelotst worden… Aber letztendlich sind solche Tage, an denen vermeindlich alles schiefgelaufen ist, diejenigen an die wir noch lange mit einem Schmunzeln zurückdenken.
    Viele Grüße
    Biene*summsumm*

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