Zwei-Länder-Sportklettersteig :: Durch Übermut zu neuen Gipfeln?

Wie jede Geschichte, die im Laufe der Erzählung eine dramatische Wendung nimmt, beginnt auch diese harmlos:

Die Sonne lacht, Mr. N und ich sitzen in der Kanzelwandbahn im Kleinwalsertal, naschen kernlose Trauben und schauen zuversichtlich in die Zukunft.

Wir steuern den Zwei-Länder-Klettersteig an der Kanzelwand an, der mit einem Schwierigkeitsgrad von K4-K5 (4.5) oder „D“ gekennzeichnet ist.

„D“ könnte auch für „difficult“ oder zu Deutsch “schwer“ stehen. Wobei das Wort „schwer“ in den Bergen vielerlei Bedeutungen annehmen kann, je nachdem welche Bewertungskriterien in Betracht gezogen werden:

  • Ausdauer,
  • Kraft,
  • Psyche,
  • Bergerfahrung,
  • Höhe,
  • Schwindelfreiheit,
  • Trittsicherheit,
  • Felsbeschaffenheit,
  • Wetter,
  • Zustand, Art und Anordnung der Sicherungen,
  • Länge des Klettersteigs
  • … usw.

Da wundert es nicht, dass es ebenfalls SCHWER ist, diese Kriterien richtig zu gewichten, um die tatsächliche Klettersteig-Schwierigkeit zu bestimmen.

In solchen Fällen sollte der angehende Bergsteiger auf Schlüsselwörter in der Klettersteigbeschreibung achten, wie z. B.:

# „Ein SPORTklettersteig für Jungs/Mädels mit KRÄFTIGEM Bizeps.“

# „Die Querungen sind EXTREM kraftraubend, weshalb eine kurze Bandschlinge mit Karabiner sehr zu empfehlen ist.“

# „Gemäuer, das leicht ÜBERhängt“

# „Die Route startet RECHT STEIL.“

# „… fast SENKRECHTE Stufe zu meistern …“

# „… empfiehlt sich eine Pause, bevor DIE LANGEN, Kraft RAUBENDEN Querungen beginnen …“

# „ÜBER DEM ABGRUND arbeitet man sich von Verankerung zu Verankerung …“

# „… bis der Bizeps BRENNT …“

# „Fluchtmöglichkeit: KEINE“ (damit ist ein möglicher Notabstieg gemeint)

Zu guter Letzt sollte man einen kurzen Moment lang seine Aufmerksamkeit der Hüsler-Skala widmen und versuchen, die auf Anschlag gefüllten Balken in den Kategorien „Psyche“ und „Kraft“ nicht zu übersehen:

ZweiLaenderKlettersteig

Quelle: Klettersteige mit kurzen Zustiegen (s. Empfehlungen)

ZweiLaenderKlettersteig

Quelle: Klettersteige mit kurzen Zustiegen (s. Empfehlungen)

Dabei sollte man nicht vergessen, das nicht so prall gefühlte Balken wie „Bergerfahrung“ und „Ausdauer“ keinesfalls die anderen Kriterien relativieren.

Man könnte nun in sich gehen und überlegen, wie lange es schon her ist, dass man geklettert ist und ob man den Anforderungen des Klettersteigs gewachsen ist. Nein, man „könnte“ nicht, man SOLLTE.

Man MUSS.

Hat man diese innere Checkliste erfolgreich abgehakt, könnte man sich in den Klettersteig begeben.

Von dieser Beschreibung war bei mir vor dem Start aus unerfindlichen Gründen nur folgender Satz hängengeblieben: ein KNACKIGER Sportklettersteig für Jungs und MÄDELS mit KRÄFTIGEM BIZEPS.

Nun, das hatte dann seine Konsequenzen.

Der SPORTklettersteig startet in der Tat RECHT STEIL. Ein erster Hauch von Beunruhigung beginnt im Unterbewusstsein zu keimen.

Es dauert nicht lange, da geht die Beunruhigung ins Bewusstsein über und wird langsam omnipräsent. Das ist der Zeitpunkt, zu dem die Psychobalken anfangen vollzulaufen. Plötzlich wird klar, was die Hüsler-Skala zu vermitteln versucht: es besteht doch ein kausaler Zusammenhang zwischen Psyche und körperlicher (Arm-)Kraft.

Wie äußert sich denn dieser Zusammenhang direkt am Felsen?

Man merkt, dass die Kraft sehr schnell schwindet – schneller als das Gehalt am Monatsanfang und das Tröpfchen auf dem heißen Stein. Die Kraftlosigkeit rührt daher, dass es nur noch mit ÜBERhang über die SENKRECHTEN Querungen weiter und weiter nach oben geht. Es gibt in diesem Klettersteig keine oder kaum Bänder, auf denen man stehen kann. D. h., du musst dich die gesamte Zeit am überhängenden Felsen mit der Kraft deiner zwei Ärmchen festhalten. 2.5 Stunden lang. Wenn du es nicht schneller schaffst. Und unter dir klafft der ABGRUND.

Klar bist du mit dem Klettersteigset gesichert. Aber es empfiehlt sich trotzdem nicht, im Klettersteig zu stürzen. Das Set soll nur das Allerallerschlimmste verhindern. Manchmal ist das Zweitschlimmste aber auch schon schlimm genug.

Je größer nun die Kraftlosigkeit, umso größer auch die Angst, sich am Felsen nicht festhalten zu können. Dieser Gedanke sorgt dafür, dass die Beine, mit denen du dich gegen den senkrechten Felsen stemmen solltest, dann auch nicht mehr halten wollen/können. Dann fängst du an, immer öfter die Bandschlinge und den Karabiner zu bemühen, um auszuruhen. Aber diesen ein- und wieder auszuhängen, damit du weiter klettern kann, kostet so viel Kraft (wenn der Karabiner am Drahtseil klemmt), dass das bisschen Energie aus den Armen gleich wieder weg ist. Wie bei einem leeren Akku, laden sich die Muskeln bei der kleinen Verschnaufpause auf, diese Energie verpufft aber nahezu augenblicklich, sobald sie in Anspruch genommen wird.

Ein Teufelskreis entsteht …

Dieser erreicht seinen Höhepunkt im oberen Drittel des Klettersteigs: Vor mir prangt der glatte, senkrechte, leicht überhängende Felsen. Die erste Sicherung ist auf etwa 1 m Höhe angebracht. Die nächste gibt es 3-4 m höher. Wenn du diese nicht auf Anhieb erreichst, kannst du diese 3-4 Meter locker im freien Fall wieder rückwärts absolvieren. Solltest du das schmale Band verfehlen, auf dem du gerade kurz verweilst, drunter ist auch noch das Tal, voller kuscheliger Felsbrocken.

Habe ich erwähnt, dass die Ärmchen des Mädels mit dem KRÄFTIGEM Bizeps in diesem Moment maximal für das Gewicht einer Espresso-Tasse ausgelegt sind? Und die Knie durch die latente Angst weich wie gekochte Maccheroni?

Mein erster Versuch, den Teufelskreis zu durchbrechen, besteht aus verbalen Eskalationen, die sich an den Klettersteig richten, und auf deren Inhalt ich nicht näher eingehen möchte. Bei genauem Hinhören zwischen den Seemannsflüchen kann man aber auch ein leichtes … ach, ich sag’s ungern … Flennen vernehmen. Und ein paar Gebete, glaube ich. Das kommt daher, dass meine Nerven etwas blank liegen. Vor meinem geistigen Auge verlaufen Bilder aus besseren Zeiten: kernlose Trauben, sonnige Auffahrt mit der Seilbahn … Da war die Welt noch in Ordnung.

Ich setze trotzdem mehrmals an, hochzuklettern und muss alle meine Versuche abbrechen, da ich merke, dass ich keine Kraft mehr habe… Ich fange an die Tragweite des Ganzen zu erkennen, sollte ich nicht mehr weiterklettern können. Mein Gehirn sucht nach Alternativen. Ich suche das Tal ab, ob es eine Abstiegsmöglichkeit gibt. Wir erinnern uns an den Hinweis zu Beginn dieser Erzählung: „Fluchtmöglichkeit: keine“.

Als Nächstes stelle ich mir vor, wie der Helikopter des Alpenvereins kommt, um mich vom Felsen runterzuholen. „Was für eine Schande“ denke ich mir und gleichzeitig danke ich mir selber, dass ich vor der Tour wieder dem DAV beigetreten bin.

Verzweifelte Situationen führen zu verzweifelten Taten – ich spreche tatsächlich das Unfassbare aus:

„… ich will absteigen …“

Mr. N traut seinen Ohren nicht. Ich übrigens auch nicht.

Nun ist das Geschick von Mr. N gefragt. Mit Engelszungen redet er auf mich ein, ich solle es nochmal versuchen, weiter zu klettern. Er erklärt mir geduldig, wie ich einen wunderschönen Spagat hinbekommen kann, zwischen der ersten und der nächsten Stufe 3 Meter höher.

Ich habe zwar keine Kraft mehr, weder körperlich noch mental. Zwischen zwei Angstattacken merke ich aber, dass ein anderes Gefühl aufkeimt: Wut. Ich ärgere mich:

Dass ich mich überschätzt habe.

Und dass ich aufgeben will (wollte?) …

Das hat’s noch nie gegeben.

Nun, ich ärgere mich meistens deutlich schneller, als ich mich fürchte. Außerdem habe ich gesehen, dass Mr. N die Augen verdreht hatte. Das lasse ich nicht auf mir sitzen. Ich verkünde, dass dies mein letzter Versuch sei und sollte er scheitern, soll Mr. N schon mal das Handy zücken und den DAV anrufen. Danach packe ich das Drahtseil und begleitet von bulgarischen Kraftausdrücken gebe ich mir einen allerletzten Ruck. Ich ziehe mich hoch, mehr aus Wut und Verbissenheit, als aus eigener Kraft.

Kurz vor der rettenden Kante merke ich erneut, dass ich krafttechnisch nur einen einzigen Versuch habe, danach zu greifen. Und dann höre ich wieder die piepsige Stimme in meinem Kopf: „Und was, wenn du dich gerade die letzten Zentimeter nicht mehr halten kannst? Du kannst doch eh nicht mehr! Ah, was daaaann?“

„HALTE E-I-N-F-A-C-H DEINEN MUND!!“ schnauze ich mich innerlich an. Und plötzlich bin ich oben.

Ich spüre eine Mischung aus Dankbarkeit, Zufriedenheit, Enttäuschung, Ehrfurcht, und einen Hauch Stolz.

ZweiLaenderKlettersteig

Wenig später kommt Mr. N schnaubend nach und bestätigt mir, dass die Passage es tatsächlich in sich hatte.

ZweiLaenderKlettersteig

Der Rest des Klettersteigs ist zwar immer noch kein Spaziergang, verliert aber nach dieser Stelle an Dramatik und Bedrohlichkeit.

Auf dem Gipfel wird man mit einem sagenhaften Panorama entschädigt.

ZweiLaenderKlettersteig

ZweiLaenderKlettersteig

Das haben Gipfel so an sich, sofern man hinkommt.

Fazit: In diesem Fall komme ich mit einem blauen Knie, aber ansonsten unversehrt  (was aber keinesfalls als selbstverständlich angesehen werden darf!) und um einige Erkenntnisse reicher davon. Hätte ich um die Schwierigkeit der Unternehmung im Voraus genau gewusst, hätte mich mein Verstand vermutlich davon abgehalten, den Klettersteig auszuprobieren.

Manchmal treffen sich Übermut und widrige Umstände glücklicherweise doch in der goldenen Mitte, um uns an einer Herausforderung wachsen zu lassen. Die Kunst besteht dann wohl darin, die Selbstüberschätzung gerade so zu dosieren, dass dieses Gleichgewicht nicht allein der Fügung überlassen wird. Also mach’s besser als ich und überschätze dich nicht!

Denn im Zweifelsfall gewinnt der Berg.

Was war deine persönliche Grenzerfahrung, ob beim Reisen, beim Sport oder in den Bergen?

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6 Antworten

  1. leonieloewin sagt:

    Gratulation – tolle Leistung, liebe Grüße Leonie

  2. Mr N sagt:

    Da bekomme ich ja fast ein schlechtes Gewissen, dass ich dich zu sowas überredet habe.
    … Nee, doch nicht. Wann gehts zum nächsten Abenteuer?
    Grüße
    Mr N

  3. carmen.on.the.road sagt:

    Hört sich nach ner tollen Tour und Herausforderung an! Mich hat der Kilimanjaro an die Grenze gebracht – allerdings eher die Höhe als die nicht vorhandenen Kletterpassagen 🙂 Viele Grüße!

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