Mallorca :: Die Geisterinsel

Es ist Mitte November und es herrschen wandertaugliche 18 Grad. Der Wanderweg von Betlem nach Es Caló ist eher ein Küstenspaziergang: Links von uns rauscht das Meer und auf der rechten Seite erheben sich die Berge:
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Der Himmel ist leicht verhangen, aber das Wetter hält sich und so können wir unseren ersten Eindruck von Mallorca in trauter Dreisamkeit genießen. Denn an diesem frühen Nachmittag scheint sich hier keine weitere Menschenseele verirrt zu haben. Nur Mr. Partus, Django und The Hiking High Heel.

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Ich frage mich, wie es denn hier wohl aussehen würde, wenn wir nicht Mitte November, sondern Mitte August, während der Hochsaison, hier entlang wandern würden. Denn die vorwinterliche Sonne hängt bereits tief am Horizont, und da weit und breit niemand sonst zu sehen ist, hat man das Gefühl, am Ende der Welt zu sein. Ein ein wenig beklemmendes und dennoch auf seltsame Art und Weise schönes Gefühl.

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Es ist erst 16 Uhr, aber der Abend bricht schon langsam herein. Nachdem Django kurz in die Ferne geschaut und die Exklusivität genossen hat, diesen Ort als erste Plüschratte für sich entdeckt zu haben, beschließen wir, dass es Zeit ist, den Rückweg anzutreten:

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Exklusive einsame Wanderwege sind zwar schön und gut, lassen sich aber am besten genießen, wenn man verhältnismäßig schnell wieder in die Zivilisation zurückfindet. Daher lassen wir die kleine Ortschaft Betlem hinter uns und fahren in den Küstenort Cala Rejada, um nach etwas Essbarem zu suchen.

Und jetzt, in der langsam aber sicher untergehenden Sonne, wird einem klar, was es heißt, in der Nebensaison auf Mallorca zu sein:

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Wir treffen überall nur auf verlassene Biergärten. Geschlossene Kneipen, Restaurants und Hotels mit stummen, dunklen Fassaden säumen den Straßenrand.

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Nur die Scheinwerfer von vorbeifahrenden Autos erleuchten sporadisch die einsamen Fußwege. Gelegentlich trifft man in der Dämmerung auch auf Menschen. Die meisten davon sprechen die inoffizielle dritte Amtssprache auf der Insel: Deutsch.
Plötzlich kommt einem der Wind viel kühler vor und dieser trägt den Geruch von Feuchtigkeit und Meer in sich. Der Himmel wirkt verhängnisvoll und bedrohlich.

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Ganze Hotelanlagen stehen leer:
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Selbst die Dönerbuden sind geschlossen. Das beunruhigt mich in der Tat etwas. Denn, wenn ich genau darüber nachdenke … habe ich nie eine geschlossene Dönerbude gesehen. Dönerbuden sind der Inbegriff der Geschäftigkeit – sie haben immer zu den unmöglichen Uhrzeiten geöffnet – ob man  von einer durchzechten Nacht zurückkommt, oder nachts an der Liverpool Station in London strandet – die Dönerbude dampft und „der Dönergerät“ mit dem „Dönertier“ dreht sich unermüdlich.
Nun, hier wohl nicht.

Ich habe das dringende Bedürfnis ein Tumbleweed über die leeren Straßen purzeln zu lassen. In Ermangelung eines Tumbleweeds versuche ich mich mit einem improvisierten selbstgedrehten Zombiespot von der Dönerflaute abzulenken. Es gibt so wenig Fußgänger, dass man tatsächlich ungestört einige Szenen von The Walking Dead nachdrehen könnte. Dabei muss ich feststellen, dass es gar nicht so einfach ist, einen Zombie glaubhaft zu spielen.

Aber was soll ich sagen – man muss immer versuchen, das Beste aus einer Situation zu machen. Wir sind ja anpassungsfähig und fügen uns damit besser in die Endzeit-Atmosphäre dieses Abends ein.

Mittlerweile ist aber das Hungergefühl schon so präsent, dass Zeit wird, den Quatsch zu lassen und unsere überschüssige Energie in das Finden einer geeigneter Foodlocation einfließen zu lassen.
In einer Seitenstraße finden wir ein Restaurant, dessen Gästeanzahl nur aus dem Wirt und zwei seltsamen Gestalten besteht, die abwechselnd in ihre Gläser und zum Fernseher an der Wand hin- und herschauen. Als wir das Restaurant betreten, sorgt das für eine flüchtige Sensation – die Musik hört kurz auf zu spielen, der Wirt hält beim Polieren der vielen leeren Gläser inne, und die zwei anderen Besucher schauen ausnahmsweise zu uns rüber. Danach geht das Leben weiter.

Ich werfe einen Blick auf die Karte: Es gibt einige Sorten Pizza, verschiedene Nudelgerichte, Rind, Schwein, Hähnchen. Und natürlich auch einige Fischspezialitäten. Frisch vom Markt versteht sich. Ich frage den Wirt, ob er tatsächlich alles anbietet, was auf der Karte steht. Er nickt mit einer unerschütterlichen Selbstverständlichkeit. Anbetracht des fast komplett leeren Restaurants kann ich mir nur schwer vorstellen, dass man alles „frisch“ und vorrätig hat. Die zwei Besucher zählen nicht. Diese sehen sowieso aus, als hätte man sie vor langer Zeit hierher gebracht und vergessen, sie wieder abzuholen. Man könnte meinen, diese seien ein fester Bestandteil des Interieurs.

Ich beschließe im Namen aller Anwesenden, dass das Vernünftigste wohl sein wird, sich im Supermarkt mit dem Nötigsten einzudecken. In diesem Fall mit einem Rioja, Käsehäppchen, Weintrauben, einem frisch gebackenen Baguette und Crema Catalana. Nachtisch muss sein.

In unserem fürstlichen Herrenhaus zurückgekehrt, müssen wir feststellen, dass wir keinen Flaschenöffner für die Weinflasche haben.

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Die Inhaber des Hotels können (wollen) wir nicht mehr anrufen, da es bereits nach 23 Uhr ist … Während Mr. Partus verzweifelt versucht, das praktisch nicht existente WLAN einzufangen, schlüpfe ich an diesem Abend ein zweites Mal in eine fragwürdige Rolle. Ich geistere um Mitternacht durch die zugänglichen Räumlichkeiten des Landhauses, auf der Suche nach einem Flaschenöffner.

Ich finde keinen.

Alle Bereiche, die einen solchen Gegenstand beherbergen könnten (wie die Bar und die Küche), sind in weiser Voraussicht abgeschlossen. Nun habe ich genug. Ich will die Flasche geöffnet sehen und ich lege es Mr. Partus mit etwas Nachdruck nahe, sich mal darum zu kümmern. Bevor ich meine üblichen vom Hunger verursachten Anwandlungen bekomme, verspricht mir Mr. Partus, sich etwas einfallen zu lassen. Er packt seine Wanderschuhe und die Flasche ein und verschwindet in die Dunkelheit der Nacht. Kurz darauf höre ich laute stumpfe Geräusche, die aus dem Innenhof des Hotels zu unserer Suite dringen. Als ob jemand mit einem schweren, stumpfen Gegenstand auf den Boden schlagen würde. Eine leichte Detonationswelle lässt das gesamte Gebäude bei jedem Schlag erbeben. Irgendetwas sagt mir, dass diese seltsamen Vorkommnisse im Zusammenhang mit der ungeöffneten Weinflasche stehen …

Kurz darauf erscheint Mr. Partus wieder in der Tür. Wenn er Haare auf dem Kopf hätte, bin ich mir sicher, dass diese zerzaust ausgesehen hätten. Die Weinflasche ist jedenfalls offen. Und ich ruhig gestellt.

Ich will nicht genau wissen, wie er es getan hat. Schließlich zählt das Endergebnis. Und zwei Kristallweingläser hat er auch „organisiert“. Ich stelle keine Fragen, sondern widme mich dem Wesentlichen: Mir bei einem Rioja gepflegte Gedanken über den morgigen Tag auf der Lieblingsinsel der Deutschen zu machen.  Das Internet ist weiterhin mehr als bescheiden bis nicht existent und hindert mich erheblich bei meiner Recherche nach der optimalen Wanderunternehmung. Schon das WLAN-Signal dringt nicht ausreichend durch das Gemäuer ein (und falls doch, funktioniert das Internet trotzdem nicht). Aber man kann sehr deutlich den Jacuzzi der Nachbarn über uns hören. Und auch, dass sie ordentlich Spaß beim Plantschen und Haareföhnen haben.

Na, und ob ich dagegen halten kann! Wir haben auch einen Jacuzzi in unserem 70km² Appartement namens El Abuelo (Der Großvater):

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Bevor ich mich aber in den Jacuzzi-Konkurrenzkampf stürze, schaffe ich es gerade noch in Erfahrung zu bringen – am nächsten Tag werden wir mit 22 Grad und Sonne entschädigt. Und morgen werden wir rechtszeitig herausfinden, wo die Dönerbuden auch in der Nebensaison dampfen und der Weinflaschenöffner hängt. So heißt doch das spanische Zauberwort:  mañana …

Warst du schon mal in der Nebensaison in einer sonst ausgeprägten Touristenhochburg? Womit hast du dir die Zeit vertrieben?

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2 Antworten

  1. Barbara sagt:

    Hallo Dana!

    Ja sehr schön … ich konnte mich richtig in eure Lage versetzen. Es ist in der Tat im Winter manchmal sehr leer hier auf Mallorca. Gerade gestern waren wir in Port de Soller und haben uns schwer getan ein offenes Restaurant zu finden.
    Aber zum Glück ist auf das Restaurant Es Faro – oben am Leuchtturm – immer Verlass! Und man wir oben drein mit einem mordsmässig schönen Ausblick belohnt!

    Saludos von der Geisterinsel!!!
    Barbara

    • Hallo Barbara!
      Das war aber auch schon alles, was mich an Mallorca im Herbst/Winter gestört hat ;). Vermutlich würden mich die Menschenmassen im Sommer viel mehr stören, obwohl alle Restaurants offen wären. Danke für den Tipp und liebe Grüße

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