Stuttgart :: Im Bunker brennt noch Licht

„Es gibt eine gute und eine schlechte Nachricht“, verkündet der Mann im Tiefbunker und wendet sich damit an die letzte Gruppe Personen, die den Schutzraum betreten hat.

„Die gute Nachricht ist – der Bunker ist voll und Sie sind die letzten, die es rechtzeitig hineingeschafft haben. Und die schlechte – Sie müssen mir nun helfen, die Stahltür mit diesen Betonblöcken zuzumauern, um die radioaktive Strahlung aufzuhalten.“
Tiefbunker_Stuttgart-2

Schlappe 58 kg wiegt ein kleiner Block. Der große bringt stolze 100 kg auf die Waage.

Ein wahrer Motivationsbooster: Wenn die Rettung so beginnt, kann das nur noch heiter werden.

Glücklicherweise startet unser Aufenthalt im Tiefbunker in Stuttgart –Feuerbach mit dieser „Fast-Anekdote“ und nicht aus der Notwendigkeit heraus, sich hier verstecken zu müssen.

Das Hauptthema der Führung ist der Kalte Krieg.

In den späten 70er Jahren wurde der Bunker für einen potentiellen atomaren Angriff umgerüstet. Mit ca. 1800 m² bietet er Platz für max. 1200 Personen (1.5 m² p. P.) und ist für einen Aufenthalt von etwa 2 Wochen ausgelegt.

Tiefbunker_Stuttgart-3

Davor wurde er zeitweise als Unterkunft für Familien und Arbeiter genutzt. Manche von ihnen haben nach dem Zweiten Weltkrieg mehrere Jahre hier gewohnt.

Tiefbunker_Stuttgart-8

Selbst dafür hat man damals eine sog. Zuzugsgenehmigung benötigt:

Tiefbunker_Stuttgart-7

Die Aufenthaltsräume erinnern an einen Zugwagen. Die Kopfstützen dienen dabei aber nicht der Bequemlichkeit, sondern sollen verhindern, dass man bei einer Detonation mit dem Kopf (häufig mit fatalen Folgen) gegen die Wand aufschlägt.

Tiefbunker_Stuttgart-5

Auf den harten Holzsitzen müssen die Menschen „tagsüber“ 16 Stunden ausharren, bevor sie für 8 Stunden in die Schlafzellen dürfen.

Tiefbunker_Stuttgart-6

Denn so würde der Tag im Bunker aussehen: 8 Stunden schlafen – 16 Stunden sitzen. Und warten, bis die Gefahr vorüber ist.

Toiletten und Duschräumlichkeiten haben keine Türen

Privatsphäre und körperliche Hygiene sollen auf ein Minimum reduziert werden. Denn die Ressourcen im Bunker sind begrenzt. Man müsste sich ggf. entscheiden, ob man das Wasser für die Suppe oder für den Toilettenspülgang benutzen sollte.

Nur wer kontaminiert in den Bunker gelangt, darf sich auf ein ausgiebigeres Bad mit Schmierseife und Schrubber im Dekontaminierungsraum freuen. Und das auch in Gesellschaft – Personen mit aufgesetzter Gasmaske seifen einem den Rücken ein.

Tiefbunker_Stuttgart-4

Die ärztliche Versorgung fällt im Bunker ebenfalls bescheiden aus: Jeder muss seine eigenen Medikamente dabei haben. Sofern er auf der Flucht spontan daran gedacht haben sollte, diese mitzunehmen. In allen anderen Fällen muss man sich im besten Fall mit der guten alten Penaten-Creme und Vaseline arrangieren. Nach tagelangem Sitzen ist etwas „Wellness“ für den Allerwertesten dringend notwendig.

Tiefbunker_Stuttgart-9

Um zwischen Tag und Nacht zu unterscheiden, brennt „nachts“ in jeder Schlafzelle ein schwaches blaues Licht, das das Gefühl für den menschlichen Schlafrhythmus aufrechterhalten soll.

Einmal täglich ist der Gang zur Essensausgabe der einzige Lichtblick: Hier leuchten wenigstens Teller und Becher in lebensfrohen Farben, um die Stimmung etwas anzuheben. Die Auswahl an Gerichten ist übersichtlich – mehr als Kartoffelsuppe gibt es nicht. Bohnensuppe wäre zwar eine willkommene Abwechslung, aber im Bunker, aufgrund ihrer gastreibenden Wirkung, nicht das Essen der ersten Wahl.

Tiefbunker_Stuttgart-10

Zwar verfügt der Bunker über eine Lüftungsanlage, die die Luft filtern sollte. Zahlen belegen allerdings, dass bei einer Vollauslastung die Anlage nur unzureichend funktioniert hätte.

Im letzten Raum befindet sich ein Generator. Dieser gewährleistet die Stromversorgung, sollte der Bunker vom öffentlichen Stromnetz getrennt werden. Der Generator wird von einem Öltank gespeist. Im Falle eines Aussetzers wäre die Anwesenheit eines Kfz-Mechanikers sehr von Vorteil. Dieser könnte die Maschinerie eventuell wieder in Gang setzen. Hat es kein Kfz-Spezialist in den Bunker geschafft, bleibt allen nur noch der Weg nach draußen. Und die Hoffnung, dass die radioaktive Wolke inzwischen weit weit weg gezogen ist … Ob man dann eine telefonische Auskunft darüber erhalten kann, ist ungewiss.

Tiefbunker_Stuttgart-11

Fazit: In einer Stunde kannst du hier Geschichte hautnah erleben und das Gefühl nur erahnen, wie sich das Leben unter solchen Umständen anfühlen müsste: Gerettet oder gefangen unter der Erde?

Die Bunkerführungen werden von dem Verein „Schutzbauten Stuttgart“ organisiert. Damit möchte der Verein dem Vergessen entgegenwirken und das Augenmerk auf die Lebensumstände, die Ängste und Hoffnungen der Menschen in der schweren Nachkriegszeit lenken, sowie an die Auswirkungen des Kalten Krieges erinnern.

Tiefbunker_Stuttgart

Führungen finden immer am letzten Sonntag des Monats statt und kosten 7 €.

Weitere Informationen findest du hier: www.schutzbauten-stuttgart.de

Das könnte auch interessant sein...

Schreibe einen Kommentar! Ich freue mich auf Dein Feedback!

Werde ein Fan von The Hiking High Heel!schliessen
oeffnen
%d Bloggern gefällt das: