Shanghai :: Lost in Translation

Ich sitze am Fenster – Häuser und Felder verschwimmen zu einem impressionistischen Gemälde. Ich erinnere mich, wie es sich anfühlt, mit 270 km/h über die Autobahn mit dem Motorrad zu brettern… Von dem Beschleunigungsgefühl und dem Adrenalinflash ist in der Maglev fast nichts zu spüren. Leise, nahezu dezent, gleitet sie durch die Landschaft. Nur die elektronische Anzeige verrät unsere wahre Geschwindigkeit: 310 km/h. Dabei sind wir damit noch verhältnismäßig „langsam“ unterwegs – die Magnetschwebebahn kann eine maximale Geschwindigkeit von ca. 430 km/h erreichen.

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Etwa 10 Minuten später kommen wir in Shanghai an. Hier stehen uns zwei Optionen zur Verfügung: Ein Taxi nehmen oder mit der U-Bahn weiterfahren. Als eingefleischter Schwabe entscheide ich mich natürlich für die günstigere Variante: U-Bahn. Und somit sehen wir uns mit unserem ersten Schlüsselerlebnis konfrontiert:

Tickets für die U-Bahn kaufen. Klingt einfach, ist es aber nicht immer.

Selbstbewusst steuere ich einen Fahrkartenautomaten an. Ich sehe viele Schaltflächen und alle sind auf Chinesisch. Nicht weiter überraschend, schließlich sind wir ja in China. Was für ein Pech aber auch, dass der Knopf „Sprache wechseln“ ebenfalls auf Chinesisch sein sollte und somit für mich nicht zu erkennen ist. Das will ich nicht so richtig glauben, dass ich den Knopf nicht finde, und drücke eine Schaltfläche, die mir nach meinem Anwendergefühl als passend erscheint. Die Anzeige wechselt zwar, bleibt aber auch Chinesisch. Mit dem Unterschied, dass ich nun auch den Knopf „Zurück“ nicht identifizieren kann.

Wenn die Fahrkarte nicht zu mir kommt, dann muss es umgekehrt gehen. Ich stelle mich in die Schlange vor dem Customer Center an. Als ich dran komme, stelle ich fest, dass der Mensch am Schalter noch weniger Englisch kann als der Automat. Nur durch ein Kopfschütteln gibt er mir zu verstehen, dass sie auch keine Kreditkarten akzeptieren. Ich muss Geld abheben, um die Fahrkarte zu bezahlen.
Glücklicherweise verfügt der Geldautomat über eine lesbare Schaltfläche, mit der man die Sprache auf Englisch umschalten kann.

Wenn ich nun auch meine Kreditkarten-PIN noch wüsste …

Man könnte nun meinen, dass ich diese Reise völlig unvorbereitet angetreten hätte. Aber nein! Ich habe noch einen geheimen Joker: Meine Reisebegleitung! Diese schleppt einem nicht nur die Köfferchen, sondern kennt auch ihre eigene Kreditkarten-PIN und kann im Notfall unsere Liquidität sicherstellen.
Was sie auch sogleich widerwillig tut.
Mit dem Bargeld erwerbe ich zwei Touristen-Kombitickets für 3 Tage (45 RMB/p. P.).

Coca Cola vs. Kekoukele

Während die Begleitung raucht, will ich mir mit dem restlichen Bargeld ein Getränk bei einem der Straßenhändler kaufen. Erfolglos versuche ich dem Verkäufer meinen Wunsch auf Englisch mitzuteilen. Ich bin der Meinung, dass man überall auf der Welt immerhin „Coca Cola“ versteht (auch wenn „Coca Cola“ auf Chinesisch eher „Kekoukele“ ausgesprochen wird).

Aber ich liege falsch. Der Verkäufer versteht nur Bahnhof. Ich bin genervt. Er hat die Cola und ich habe das Geld, das kann doch nicht so schwer sein?! Ich zeige auf die Flasche, aber dafür weiß ich immer noch nicht, was sie kostet. Wie war das denn noch mal …?
Ich strenge mich an. Die rostigen Zahnräder in meinem Köpfchen greifen quietschend ineinander und eine ganze Maschinerie setzt sich in Gang. Eingemottete Informationen werden aus den entlegensten Winkeln meines Gehirns abgerufen:

„Was kostet die Cola?“ frage ich auf Chinesisch.

Man glaubt es nicht, aber 3 Sekunden lang ist alles um mich herum still.

Die Musik hört auf zu spielen, die Vögel singen nicht mehr, und die Verkäufer sind in Schockstarre verfallen.

„Haaa, da guckt ihr!“ denke ich mir triumphierend.

Als erster kommt mein Gesprächspartner zu sich. Sein innerer Kampf ist nicht zu übersehen: Offensichtlich ist er nun unschlüssig, was für einen Preis er mir nennen soll. Schließlich scheine ich ihre Sprache zu sprechen (der Schein trügt, aber sie wissen es noch nicht mit Sicherheit) und man weiß nicht, wie weit man gehen darf.

Dennoch fackelt er nicht lange und sagt etwas. Auf Chinesisch versteht sich. Wieder fängt das Knattern in meinem Kopf an. Ich versuche die Zahl zu entschlüsseln. Parallel versuche ich dabei noch halbwegs cool auszusehen. Ich darf mich nach so einem guten Start nicht verraten – meine chinesischen Sprachkünste sind nahezu ausgeschöpft. Nach einer gefühlten Ewigkeit bin ich mir fast sicher, dass er etwa 45 Renminbi haben will. Nun fange ich an, den Preis in Euro umzuwandeln. Auch diese Rechenoperation braucht ihre Zeit. Ich bin nicht sehr gut im Kopfrechnen. Irgendwann steht das Ergebnis fest und löst bei mir spontane Empörung aus. Für das Fläschchen Cola verlangt er stolze 6.50€ (soviel kostet die Fahrkarte für drei Tage)!

Auf Deutsch wäre mir ein unverblümtes „Wollen Sie mich verarschen?“ entwichen. Aber für „verarschen“ sind in meinem Kopf noch keine Entsprechungen auf Chinesisch gespeichert. Ich muss improvisieren. Und dann fällt mir einer der wichtigsten Sätze ein, die man uns im Chinesisch-Kurs beigebracht hat. DER Satz, der dich aus fast jeder Situation retten kann. Und dieser Satz lautet:

„Tai gui le!“

In just diesem Moment erscheint die fertig gerauchte Begleitung am Horizont. Ich nutze die Gunst des Augenblicks und verschwinde, bevor man mich wieder ins Gespräch verwickeln kann. Zurück bleiben einige perplexe Chinesen.

Ellenbogenmentalität?

Wir steuern den Bahnsteig an, an dem unsere U-Bahn gerade hält. Horden von Menschen stürmen auf einmal die Türen des Zuges. Scharfe Ellenbogen bohren sich in meine Rippen ein. Schwer bepackt drohe ich in den Menschenfluten unterzugehen. Mit letzter Kraft schiebe ich mich in die Menge. Der Zug ist derart voll, dass ich spüre, wie die Zugtür mein Oberteil erfasst, als sie zugeht.

Da tippt jemand auf meine Schulter. Ich drehe mich um. Ein junger Chinese deutet mit seinem Finger auf die verschlossene Zugtür. Und hinter dieser Tür, auf dem Bahnsteig, steht meine Begleitung und schaut mich mürrisch an. Der Zug fährt ab und ich habe nur einen Gedanken im Kopf: Mein Handy ist leer, ich weiß nicht, wo ich aussteigen soll und die Person, die es weiß, hat es nicht in den Zug geschafft… In letzter Sekunde forme ich mit meinen Fingern eine Drei und halte sie ans Fenster. Ich hoffe, dass mein Begleiter die Botschaft rechtzeitig gesehen hat und diese auch zu deuten vermag: Ich werde drei Haltestellen weiter aussteigen und dort auf ihn warten.

Wie die Fügung es will, sind wir drei Haltestellen später wieder vereint. Wir steigen noch einmal um und schon bald verlassen wir die U-Bahn. An der frischen Luft muss die Begleitung gleich wieder eine rauchen, um seine angeschlagenen Nerven zu beruhigen.

Vorfahrt haben vs. Vorfahrt bekommen

Bis zu unserem Hotel – Wyndham Grand Plaza Royale Oriental – sollen es noch ca. 900 m sein. Diese wollen wir zu Fuß zurückzulegen. Zunächst müssen wir aber eine dreispurige Straße überqueren. Die Fußgängerampel wechselt auf Grün und wir betreten das Spielfeld. Gleichzeitig stürmen lautlose Elektroroller auf uns zu – sie haben auch Grün. Es ist schon abends, aber viele haben nicht einmal das Licht an. Man hört sie nicht, man sieht sie nicht, man riecht sie nicht. Mein Hang zu farbenfrohen Oberteilen zahlt sich nun endlich aus: Wenigstens können sie mich etwas besser sehen. Wie in einem Videospiel weichen wir uns gegenseitig aus und jeder rettet sich, wie er kann.

Auf der anderen Seite angekommen muss die Begleitung wieder eine rauchen. War auch stressig auf der Straße. Da mir die ständigen Raucherpausen langsam auf die Nerven gehen, rege ich an, Rauchen und Laufen zu kombinieren. Meinem Vorschlag wird widerwillig Folge geleistet und so schleppen wir unsere Koffer in der abendlichen Dämmerung zum Hotel. Dabei fällt mir auf, dass unsere Erscheinung für ein ziemliches Interesse auf den Straßen sorgt: Man beäugelt uns neugierig, als wären wir noch nie da gesehene Geschöpfe im hiesigen Gefilde.

Endlich im Hotel angekommen ist die Dame an der Rezeption die erste Person, mit der man sich einigermaßen auf Englisch verständigen kann. Denn auch hier spricht kaum jemand Englisch: Ziemlich unüblich für ein 5-Sterne Hotel.

Aussicht ist Geschmackssache

Wir bringen unser Gepäck aufs Zimmer und machen uns mit den Annehmlichkeiten des Hotels vertraut: Die Aussicht aus dem Fenster ist so berauschend, dass ich das dringende Bedürfnis verspüre, etwas Stimmungsaufhellendes zu mir zu nehmen:

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Mit etwas Sonne am Himmel sieht es schon besser aus:
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Die Aussicht aus dem Badezimmer direkt ins Schlafzimmer soll dafür entschädigen: Man kann sich in die Badewanne legen und durch eine Glasscheibe fernsehen. Wenn man doch das Mindeste an Privatsphäre genießen möchte, die einem an diesem stillen Örtchen zusteht, kann man die Glasscheibe per Knopfdruck abdunkeln und auf den spritzwassergeschützten Fernseher im Badezimmer ausweichen.

Photobombing mit Stil

Im Hotel gibt es eine weitere Bademöglichkeit, nämlich einen Swimming Pool. Da der Tag schon zur Neige geht und das Wetter gerade nicht mitmacht, schmeiße ich mich in meine Badesachen, werfe mir einen überdimensionalen Bademantel über und mache mich auf den Weg zum Pool. Als ich den Aufzug in der Pool-Etage verlasse, lande ich nach kurzem Herumirren in einem großen festlichen Saal.

Zum dritten Mal habe ich heute das Gefühl, dass die Musik aufhört zu spielen, sobald ich irgendwo auftauche. Denn ich bin gerade mitten in eine chinesische Hochzeit mit mehr als 100 Gästen hineingeplatzt. Ein letztes Blitzlicht flackert nervös auf, bevor sich alle nach mir umdrehen. Wir starren uns kurz an: Die Braut in ihrem für meinen Geschmack etwas zu üppigen Kleid, und ich – die Fotobombe – in Badeschlappen und Herrenmorgenmantel der Größe 46. Ehe ich eine Entschuldigung murmeln kann, werde ich von einem Angestellten des Hotels höflich hinausbefördert und in den Poolbereich gebracht.

Nachschenken statt Nachdenken

Wer nun glaubt, die Hochzeitsgesellschaft und ich treffen an diesem Abend nicht mehr aufeinander, der irrt. Eine Stunde später verlasse ich den Pool und will wieder auf unser Zimmer. Ich bin entschlossen einen großen Bogen um den Hochzeitssaal zu machen.

Inzwischen scheint die Hochzeit ihren Höhepunkt erreicht zu haben: Einige Gäste sitzen völlig betrunken im Flur. Direkt vor mir liegt eine junge Chinesin in einem Sessel und stöhnt laut. Sie hat ein kleines Bäuchlein und ich glaube, dass sie schwanger ist. Beunruhigt schaue ich mich um, ob jemand da ist, der nach der Frau sehen kann. Denn ihr Stöhnen wird lauter und lauter. Es kommt keiner. Hm… was nun? Ich bin zwar ausgebildete Ersthelferin, aber die Betreuung von schwangeren chinesischen Frauen haben wir damals nicht so ausgiebig geübt.

Dennoch muss ich nach der Frau sehen, denke ich pflichtbewusst und nähere mich. Als ich sie ansprechen will, jault diese plötzlich laut auf, bäumt sich kurz auf und ein Schwall Erbrochenes ergießt sich über Kleid, Haare, Sessel und Teppich. Das Ergebnis riecht eindeutig nach Alkohol. Wenn die Frau schwanger sein sollte, dann nur mit ein paar unverdünnten Drinks vielleicht.

Ich fühle mich in meiner Gutgläubigkeit verarscht. Glücklicherweise eilt gerade ein Hotelangestellter heran. Spontan streckt er den Arm vor mir aus, als möchte er verhindern, dass ich an die Frau herantrete. „Keine Sorge, übernimm ruhig“ denke ich mir. Unter den Blicken und den Kameras der Gäste räume ich erhobenen Hauptes das Feld. Anbetracht des kleinen Zwischenfalls mache ich selbst in meinem unförmigen Bademantel eine gute Figur.

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Fazit des Tages:

  • Geschwindigkeit ist relativ.
  • Mit Chinesisch kannst du jeden beeindrucken und es bringt dich weiter. Vor allem in China, wo …
  • … die Leute kaum Englisch sprechen.
  • Exotik liegt im Auge des Betrachters.
  • Viele Asiaten vertragen keinen Alkohol: Ihnen fehlt das sog. ALDH Enzym, das für den Alkoholabbau zuständig ist. Das ist genetisch bedingt und man vermutet, dass diese genetische Änderung durch den Verzehr von Reis entstanden sein kann. Früher haben die Bauern den Reis durch bestimmte Gärprozesse haltbar gemacht. Bei der Konservierung entstand als Abfallprodukt Alkohol, der von den Menschen zusammen mit dem Reis mit aufgenommen wurde. Um den Körper vor Schädigungen durch den Alkohol zu schützen, habe der Körper die Herstellung dieses Enzyms über die Zeit eingestellt. Es handle sich somit um eine Art genetische Schutzmaßnahme.
  • Es ist egal, was du trägst. Wichtig ist, WIE du es trägst.

Fortsetzung folgt …

 

Weiterführende Informationen:

Maglev

Unvergessliches Chinesisch

Chinesische Schriftzeichen

Wyndham Grand Plaza Royale Oriental Shanghai

Und natürlich der Film, der mich zu diesem Artikel inspiriert hat:

Lost in Translation von Sofia Coppola

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2 Antworten

  1. Tobias S sagt:

    Oh wow … wie konnte mir dieser Beitrag bislang so entgehen?
    Fantastisch. Habe mich bestens amüsiert … 😀
    … und freue mich auf die Fortsetzung!

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