La Palma :: Kaktusdrama im Wanderparadies

Ich spüre, wie die Reifen des Flugzeugs den Asphalt berühren. Schon eine Sekunde später scheint der Pilot eine Vollbremsung zu vollziehen. Durch die starke Bremskraft kippt mein Oberkörper abrupt nach vorne und ein leichter Adrenalin-Ausstoß lässt mich zusammenzucken.

„Was bremst er denn so dackelhaft?!“ frage ich mich angenervt.

Dann schaue ich aus dem Fenster und stelle fest, dass wir das Ende der Landebahn bereits erreicht haben. Nur wenige Meter weiter verpufft die weiße Gischt des Atlantiks in der Luft. Schnell sehe ich ein, dass das etwas härtere Bremsen doch eine gute Idee war. Und ich bin froh, meine schnippische Bemerkung für mich behalten zu haben.

Bereits am Flughafen macht sich die entspannte Stimmung breit, die uns hier überall auf der Insel begegnen wird. Den meisten Touristen ist sofort anzusehen, was sich hier vorhaben: Sie tragen alle Wanderschuhe und Outdoor-Kleidung. Ich bin gespannt, was das Wanderparadies für uns bereit hält – ist das hier wirklich so abgeschieden, wie ich gelesen habe?

Unser Hotel trägt den poetischen Namen „Las Olas“ (Die Wellen) und ist nur 3 km vom Flughafen entfernt. Meine Befürchtung, die startenden/landenden Flugzeuge würden unseren Aufenthalt oder unsere nächtliche Ruhe beeinträchtigen, bestätigt sich nicht. Die Appartement-Anlage ist gepflegt und auch der erste Eindruck durchweg positiv.

La Palma Kaktusdrama im Wanderparadies - Las Olas

Da es schon ca. 15 Uhr ist, wollen wir mit dem Wandern erst am nächsten Tag beginnen. Heute fahren wir einfach los in Richtung Santa Cruz und wollen Spontaneität walten lassen. Ich gucke gelegentlich auf mein iPhone und gebe Anweisungen, wie Mr. Partus zu fahren hat. Da ich quasi der Kopf der ganzen Operation bin und Partus „nur“ der Fahrer, beschließe ich, dass wir zu einem Strand fahren, den ich gerade auf meiner Karte entdeckt habe.

Playa de Nogales heißt unser Ziel.

Wir verlassen die breite LP-1 und prompt führt uns unser Weg auf schmale Serpentinen inmitten von riesigen Bananenplantagen.

La Palma Kaktusdrama im Wanderparadies Playa De Nogales

Steil windet sich die z. T. einspurige Straße die Hänge hinunter und offenbart in der Nachmittagssonne wunderschöne Ausblicke auf den Atlantik. An einem geeigneten Wegpunkt halten wir kurz und wollen uns umschauen. Wir laufen auf einem sonnigen Felsvorsprung, der von riesigen Feigenkakteen geschmückt ist.

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

Am Ende des Vorsprungs fallen die Felswände fast senkrecht ab und dahinter verbirgt sich auch unser Ziel: Playa de Nogales, wohl einer der schönsten Strände auf La Palma.

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

Der Strand liegt mittlerweile im Schatten und der schwarze Lavasand erscheint dadurch noch dunkler. Auch von der Entfernung aus scheint die Brandung so stark zu sein, dass ich mir kein Plantschen an diesem Strand vorstellen kann. Zwei kleine Menschenfigürchen schaukeln wie winzige Korken auf ihren Surfbrettern zwischen den unruhigen Wellen.

Wir genießen den herrlichen Ausblick ein paar Minuten und halten diesen selbstverständlich fest. Dann geht’s zurück zum Auto, denn wir wollen den Strand besuchen und nicht nur von oben anschauen.

Ich will ein letztes Bild von Django und der Kaktuspracht schießen und muss dafür kleine Arrangements treffen. Ich halte mich fern von den riesigen, mit langen festen Stacheln bestückten Kaktusblättern. Aber wie es das Schicksal will, trete ich auf eine ungünstige Stelle vor dem Kaktus und mein Fuß bricht durch. Ein lauter Schrei ertönt über der Playa de Nogales. Nicht einfach Angst und Überraschung, sondern Schmerz, der meine Stimmbänder drei Oktaven höher klingen lässt.

Mr. Partus guckt überrascht aus dem Auto.
„Ich dachte, du bist heruntergepoltert, haha“ zieht er mich auf.

Mein Gehirn ist noch mit dem Schmerz beschäftigt, aber ich notiere mir in Gedanken, dass ich mir für ihn später eine Bestrafung überlegen muss.

Auf dem Autositz entferne ich einen langen Dorn aus meinem rechten Knöchel und auch unzählige kleinere Stacheln. Die verletzte Stelle sieht noch wunderbar aus und man kann nicht mal die Einstichstelle optisch ausmachen. Aber der Schmerz … ist nicht von schlechten Eltern. Ich flenne noch ein bisschen vor mich hin. Nachdem ich nicht ausreichend Mitleid schinden kann, fahren wir weiter bis zum letzten Parklatz.

Die letzten paar hundert Meter muss man zu Fuß zurücklegen. Von hier aus führt ein gesicherter Weg um die Felsen herum zum Strand.

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

Immer wieder müssen wir anhalten und Bilder von den wundersamen Felsformationen machen. Die schöne Landschaft und der beeindruckende Weg lassen mich meine Schmerzen vergessen. Nach kurzer Zeit scheinen diese tatsächlich schon fast verschwunden zu sein.
So kann ich noch eine Weile im nassen schwarzen Sand buddeln und mich des beginnenden Sonnenuntergangs und des Ozeans erfreuen.

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

Etwa zwei Stunden später sind wir wieder im Hotel und machen uns frisch fürs Abendessen. Ich freue mich aufs Essen und tänzle schon auf dem Weg zum Essenssaal. Ein leichtes Ziehen im rechten Fuß macht sich wieder bemerkbar, aber mit etwas Nachwehen habe ich schon gerechnet.

Am Tisch angekommen (5 Minuten später) vermerke ich einen leichten Schmerz in Richtung Knie. Das Buffet ruft und ich lasse mich von der üppigen Auswahl ablenken. Der Versuch, von der Vor- auf die Hauptspeise überzugehen, scheitert daran, dass mein Fuß zunehmend stärker zu schmerzen beginnt. Ich humple beherzt zum Buffet und zurück. Ein starker Krampf am ganzen Körper überrascht mich und ich bekomme Gänsehaut. Ich merke, dass ich kaum noch auftreten kann. Den Fuß abzurollen funktioniert auch nicht mehr. Ich erreiche unseren Tisch nur noch auf einem Bein hüpfend. Was bei einem Teller voller Erbsen nicht empfehlenswert ist.

Weinerlich lasse ich mich auf meinen Stuhl fallen und berichte Mr. Partus von den Schmerzen. Wir schauen uns die Stelle an. Alles sieht gut aus. Nicht mal eine Schwellung ist zu sehen. Und dennoch kann ich nach 5 weiteren Minuten fast anfangen zu heulen. Jetzt scheinen mir auch langsam alle zu glauben, dass mein optisch unversehrter Knöchel doch ein Problem hat.

Die Dame an der Rezeption zeigt sich sichtlich bewegt von meinem Schicksal und bietet uns an, einen Krankenwagen zu holen. Da meine verbalen Fähigkeiten sich gerade nur auf ein wehleidiges Jaulen beschränken, lasse ich Mr. Partus die nächsten Schritte bzgl. meines Wohlergehens klären. Er lässt sich schnell den Weg ins Krankenhaus zeigen und fährt schon mal den Wagen vor. In der Dunkelheit der Nacht und ohne Navigation fährt er schnurstracks dahin, wo ich gerade hingehöre: In die Notaufnahme in Breña Alta. Ich überdenke kurz meinen Plan über die Bestrafung und lasse diesen vorläufig fallen.

In der Notaufnahme warten ca. 20 Leute. Allein das lässt mich schon verzweifeln, denn die Schmerzen sind nahezu unerträglich. Anscheinend sehe ich sehr schlimm aus, denn man schiebt mir sofort einen Rollstuhl unter den Hintern. Mit Mühe und Not verständige ich mich mit der Empfangsdame. Keiner spricht Englisch oder Deutsch. Ich nur notdürftig Spanisch. Wir versuchen auch das Ganze mir der Krankenversicherung zu klären. Denn die Spanier wollen irgendeine Karte von mir haben, die ich nicht besitze. Ich sage ihnen, dass sie mir eine Rechnung ausstellen sollen. Diese will ich später meiner Auslandskrankenversicherung vorlegen.

Zu meiner Verwunderung werde ich sehr schnell aufgerufen. Anscheinend will man den Anwesenden mein vor Schmerzen verzogenes Gesicht nicht länger zumuten.

Der Arzt spricht auch nur Spanisch, aber ich schaffe es ihm zu vermitteln, worum es geht. Gemeinsam schauen wir uns meine Urlaubsfotos an, bis ich das Foto des Übeltäters finde. Damit der Arzt weiß, welchen Kaktus ich meine: Den Feigenkaktus, von dem man sonst nur Gutes zu berichten weiß! Marmelade, Abnehmen, gut für die Haut, um nur eine kleine Auswahl seiner Qualitäten zu nennen.

La Palma Wanderparadies Playa De Nogales

Der Arzt tastet meinen Knöchel ab, um sicherzugehen, dass der Stachel komplett entfernt wurde. Die Untersuchung schafft es sogar, meine auch ohnehin schon ordentlichen Schmerzen noch mehr zu steigern. Ich winde mich unter seinem Griff, bis er mir bestätigt, dass er keine Reste des Stachels ertasten konnte. Danach erklärt er mir, dass ich nun Schmerzmittel bekommen werde und mir Antibiotikum kaufen soll, um einer Entzündung vorzubeugen.

Eine Schwester kommt rein und will mir das Schmerzmittel verabreichen. Ich denke spontan an Tabletten, die Schwester schwingt aber eine Spritze. Auch kein Problem. Ich kremple meinen Ärmel hoch. Die Schwester schüttelt verhängnisvoll den Kopf und deutet auf den Hüftbereich hin. Auch das noch.

Wie ein Schaolin Mönch jagt sie die Nadel rein und ich muss zusehen, wie diese mehrere Zentimeter tief in meiner Hüfte verschwindet. Danach spritzt sie mir das Schmerzmittel, indem sie beruhigend auf Spanisch auf mich einredet.

Nach etwa 20 Minuten haben die Schmerzen deutlich nachgelassen und Mr. Partus attestiert mir ein leichtes Lallen beim Sprechen. Auch wenn ich meinen Fuß immer noch nicht benutzen kann, habe ich zumindest im Sitzen fast keine Schmerzen mehr. Wir schaffen es sogar um 23 Uhr eine Notdienstapotheke in Santa Cruz zu finden und meine Medikamente zu besorgen. Für läppische 4,10€ bekomme ich Antibiotikum für eine Woche und eine ordentliche Packung Ibuprofen 600. Das hätte in Deutschland allein schon mit Rezept 5 € gekostet. Aus diesen Gründen bin ich fast gespannt auf die Rechnung vom Krankenhaus. Gleichzeitig bin ich ziemlich überrascht, dass alles so schnell und nahezu undramatisch vonstattenging. Ich kann mich vorerst über meinen ersten Ausland-Notfall gar „nicht beschweren“.

Nach all diesen Ereignissen liege ich wieder im Bett, lausche den Wellen des Atlantiks vor unserem Fenster und genieße die vorübergehende Schmerzfreiheit. Wie wenig man braucht, um sich wieder glücklich zu fühlen – es reicht, dass einem einfach nichts wehtut …

Einzig die Vorstellung, dass es aufgrund des Vorfalls mit dem Wandern nichts werden könnte, macht mir etwas Sorgen. Aber wie Scarlett O’Hara zu sagen pflegt:
„After all, tomorrow is another day.“

Weiterführende Informationen:

Unser Hotel :: Las Olas

Notdiensapotheke heißt auf Spanisch „farmacia de guardia“.
Unter http://www.farmaciasdecanarias.com kann man die Insel auswählen, auf der man sich befindet, dann werden einem die Apotheken mit dem Datum des Notdienstes aufgelistet (oder im Krankenhaus fragen).

Europäische Krankenversicherungskarte (EHIC):
Nehmt eure Versichertenkarte (Krankenkassenkarte) unbedingt mit, wenn ihr in einem anderen EU-Land unterwegs seid! Wie man sieht, können damit Leistungen im EU-Ausland in Anspruch genommen werden.

Und hier ein schönes Beispiel, was ich gern mit dem Feigenkaktus anstellen würde:

Kaktusfeigenmarmelade mit Schokolade

1 kg Kaktusfeigen
500 g Gelierzucker
150 g Zartbitterschokolade

Kaktusfeigen schälen, zerkleinern und in einen Topf geben. Köcheln lassen bis Fruchtfleisch flüssig ist, dann abkühlen lassen und durch die „Flotte Lotte“ passieren.
Das Fruchtpüree wieder in den Topf geben, mit Gelierzucker verrühren und kochen lassen, bis die Konsistenz einer Marmelade entspricht. Evtl. kann man mit einem Päckchen Zitronensäure nachhelfen.
Schokolade zerbröseln und in der Marmelade schmelzen lassen.
Sofort in Gläser füllen und verschließen.
Gefunden auf: http://www.kuris-reisen.de

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