Shanghai :: „More than Toilet“

Mein „Ni hao“ ist Chinesisch in Perfektion. Leider ist das auch schon alles.

Es reicht nicht ganz aus, um der Handy-Verkäuferin mein Anliegen zu erklären: Ich möchte eine Prepaid-Karte kaufen, mit der ich auch unterwegs im Internet surfen kann. Damit scheint sich bereits die erste Herausforderung des Tages anzubahnen. Denn keiner versteht mich. Sehr zum Leidwesen der Verkäuferin bin ich aber fest entschlossen, den Laden nicht unverrichteter Dinge zu verlassen.

Zunächst versuche ich es auf Chinesisch, was erwartungsgemäß fast augenblicklich scheitert. Ich erliege dabei zum wiederholten Mal dem westlichen Irrtum, dass man Wörter wie „Internet“ überall auf der Welt ähnlich ausspricht und versteht. Auf Chinesisch gibt es dafür nämlich mindestens drei verschiedene Wörter und keins davon klingt auch nur annähernd wie „Internet“ (ohne Gewähr!):
•    hùliánwǎng
•    yīntèwǎng oder
•    wǎngluò …

Das hindert mich keineswegs daran, es mit dem Wort „Internet“ weiter zu versuchen. Schließlich kenne ich in allen drei Sprachen, die ich kann (Deutsch, Englisch und Bulgarisch), umgekehrt nur ein einziges Wort dafür.

„Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!“ denken sich die Angestellten im Laden und drücken mir einen Stift und ein Blatt Papier in die Hand: Ich soll zeichnen, was ich haben will. Darin sind die Chinesen ja gut: Ein Zeichen kann schon stellvertretend für ganze Sätze stehen und würde man die Sprachmelodie verändern, bedeutet es plötzlich etwas ganz anderes. So ein Meister der kurzen Sätze bin ich leider nicht, aber ich kritzle beflügelt ein paar Symbole vor mich hin. Die skeptischen Blicke der Belegschaft geben mir allerdings zu verstehen, dass meine kunstvollen Piktogramme nicht so gut ankommen. Ich hoffe insgeheim, in meiner Unwissenheit nichts Unanständiges gezeichnet zu haben.

In Ermangelung eines ausreichenden Vokabulars gehen wir zurück zu den Wurzeln der Kommunikation: Körpersprache. Kurz bevor es dann endgültig unzumutbar wird, beweist die Verkäuferin plötzlich Kreativität: Sie zückt ihr Handy und ruft einen Freund an. Eine Weile erklärt sie ihm hastig etwas auf Chinesisch. Dann reicht sie meiner Begleitung das Handy. Auf der anderen Seite der Leitung fragt uns der Unbekannte auf Englisch, was wir genau für eine Handy-Karte wollen. So wandert das Telefon mehrmals hin und her zwischen den zwei Parteien. Bis die Verkäuferin ein „Ahaaaaaa!“ von sich gibt.

Erleichtert atmen wir auf. Damit wäre die erste Hürde wohl geschafft.
Auch die Verkäuferin scheint erleichtert. Mit einem strahlenden Lächeln verkündet sie die frohe Botschaft: „Méiyŏu“.
Daran kann ich mich aus dem Chinesisch-Kurs noch erinnern: Es heißt „Haben wir nicht!“.

Knapp vorbei ist Gott sei Dank daneben

Internetlos ziehen wir weiter. Langsam meldet sich der Magen und das Bedürfnis nach Essen kämpft sich auf der Prioritätenliste nach oben. Wir fahren in die Stadt. Unsere erste Station ist ein Laden, in dem meine Begleitung Zigaretten kaufen will. Während sie diesem Laster nachgeht, postiere ich mich brav auf die Straße. Plötzlich löst sich eine männliche Gestalt aus den vorbeiziehenden Menschenmassen und steuert zielgerichtet auf mich zu. Dabei macht der Mann seltsame Bewegungen mit seinem Mund. Kurz vor mir macht er halt. Tiefe gurgelnde Geräusche brauen sich in seinem Rachen zusammen. Ehe ich verstehe, wie mir geschieht, fliegt eine schwere, dickflüssige Portion Spucke an mir vorbei. Treffsicher landet die Rotzmasse knapp am anvisierten Mülleimer vorbei auf dem Boden. Nur etwa 50 cm von meinem rechten Fuß entfernt.

Empörung und Entsetzen formen meine Lippen zu einem stummen „O“. Das scheint den Anspucker aber nicht zu kümmern. Er geht ungerührt weiter.

Jetzt erst fallen mir die vielen dunklen Flecken auf dem Boden auf. Auch der Mülleimer scheint einiges abbekommen zu haben: Alles „Spuckflecken“. Spontan denke ich an die Kaugummi-Plage in London. Nur, dass man Spucke nicht bemalen kann.

In diesem Moment scheinen mir manche seltsamen Verbote aus dem asiatischen Raum („Nicht im Aufzug pinkeln“) gar nicht so abwegig …

Im Herzen von Shanghai :: The Bund

Wir gehen weiter, ins pulsierende Herz der Stadt. Hier erst wird einem bewusst, wie sehr Shanghai imponieren und seine wirtschaftliche Position demonstrieren will: Eine riesige kreisförmige Fußgängerbrücke thront über einem gigantischen Kreisverkehr. Dieser ist mit aufwendigen und perfekt gestriegelten Grünanlagen geschmückt: Eine überdimensionale Drachenfigur aus Buchsbäumchen schlängelt sich seitlich der Anlage.

Shanghai The Bund

Das Zentrum des Kreisverkehrs ist mit aus Buchsbäumchen eindrucksvoll geschnitzten Musikinstrumenten und anderen Figuren dekoriert.

Shanghai The Bund

Im Hintergrund erheben sich die Skyline mit dem „Flaschenöffner“ und natürlich das Wahrzeichen der Stadt – The Oriental Pearl Tower:

Shanghai The Bund

Später, bei Nacht, werden die Wolkenkratzer ihre volle Pracht über dem Fluss entfalten:

Shanghai The Bund

Die Brücke ist voll mit Touristen. Die meisten davon sind aus dem asiatischen Raum. Alle sind am Knipsen und wollen jedes Detail der Skyline festhalten. Bevorzugt mit sich selbst drauf. Dann fällt mir plötzlich auf, dass momentan auch eine ganz andere Sehenswürdigkeit eine Rolle zu spielen scheint: wir.

Heimlich und verstohlen werden die Linsen auf uns zwei „Paradiesvögel“ gerichtet. Einige Touristen kommen direkt auf uns zu und fragen, ob sie sich mit uns fotografieren dürfen. Das will ich anfangs nicht so richtig glauben. Unauffällig zücke ich meinen Taschenspiegel und verifiziere, dass mich der Anspucker doch nicht zufällig getroffen hat. Mir dämmert‘s, dass wir anscheinend die reinsten Exoten für die Menschen hier sind. Nun bin ich fast gekränkt, dass meine Begleitung mehr „Posieranfragen“ bekommt als ich: Er ist dunkelblond und somit wohl noch exotischer als ich mit meinen fast schwarzen Haaren. Vielleicht sollte ich eine Gebühr für ihn verlangen? Das könnte meinen verletzten Stolz durchaus wieder beruhigen.

Tunnelkitsch

Wenn du hier eine schnelle Verbindung zwischen The Bund und Pudong suchst, kannst du dir eine Fahrt durch den Sightseeing Tunnel gönnen. Allerdings sind die Preise ziemlich touristisch angehaucht: Stolze 40 Yuan für ein One-Way-Ticket. Für meinen Geschmack nicht die beste Investition für dieses Geld: zu grell, zu laut, zu teuer. Dennoch bin ich überrascht, dass die mitfahrenden Chinesen so begeistert sind. Andere Sitten – andere Begeisterungsgrundlage wohl. Deswegen nur der Vollständigkeit halber hier erwähnt.

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Sightseeing as its best

Irgendwann haben wir genug posiert und verlassen die Flaniermeile. Wir besteigen einen der roten Sightseeing-Doppeldeckerbusse und lassen die Stadt auf uns einwirken: Imposante Kolonialbauten durchbrechen die Skyline und versprühen unerwarteten europäischen Flair.

Shanghai

Von meinem Platz aus – auf dem Dach des Buses – beobachte ich an jeder Ampel die Menschen und das geschäftige Treiben auf den Straßen. Unweit des Oriental Pearl Tower sehe ich, wie eine Mutter ihren kleinen Sohn auf eine Sitzbank stellt und ihm die Hose runterzieht. Ungeniert fängt der kleine Junge an in die Mülltonne vor sich zu pinkeln. Aus einem Meter Entfernung beschreibt sein Pipi einen perfekten Bogen und landet treffsicher in der Tonne. Übung macht den Meister.

Unser Streifzug durch die Stadt führt uns weiter am Yu-Yuan-Garten vorbei. Während wir an der Ampel warten, schwirren unter uns Mofas und Fahrräder umher.
In puncto Wagemut können sie sich nicht ganz mit ihren balinesischen Kollegen messen. Aber auf ihre Art und Weise schaffen sie es hier auch aufzufallen:

Shanghai_LostInTranslation

Dann biegt einer um die Ecke, der zwei Gasflaschen transportiert.

Shanghai_LostInTranslation

Es wäre schön, wenn er nicht gerade mit dem anderen Mofafahrer zusammenstieße, der an seinem Handy rummacht und eine Fluppe im Mundwinkel hängen hat. Dann könnten wir ein kleines Inferno erleben.

Glücklicherweise fährt die Gefahr weiter und ich vervollständige meine Liste der skurrilen Gegenstände, die ich als Transportgut auf einem Mofa gesehen habe – Babys, Bilderrahmen, Leiter, Hühnerstall inkl. Hühner, Ziege, 3m³ Plastikflaschen, den abgerissenen Kopf einer aufblasbaren Erotikpuppe – um nur eine kleine Auswahl zu nennen.

WC-Flair in Tianzifang

Wir steigen unweit vom Tianzifang Disctrict aus. In diesem Shopping-Areal für Fußgänger findet man viele nette Cafés, Restaurants und Läden, die Kleidung, Handarbeiten und diverse andere Waren anbieten.
Shanghai

Shanghai

Shanghai

Es dauert nicht lange, da werde ich von einem sehr hübschen Teeladen angelockt. Ganz nebenbei erwähnt werde ich hier später einen phänomenalen Schwarztee für eine ordentliche Summe erwerben*. Aber gerade jetzt werde ich abgelenkt: In unmittelbarer Nähe befindet sich der Eingang eines Restaurants der besonderen Sorte: „More Than Toilet“.

Vergoldete Pissoirs schmücken die Wände. Sitzen tut man auf mit Plüsch ausgekleideten Kloschüsseln und die Speisen sind den Endprodukten unseres Körpers optisch form- und farbentreu nachempfunden. Serviert wird in kleinen Badewannen oder anderen Behältern, die thematisch zum Motto passen. Die Preise für diesen Augenschmaus sind moderat. Trotz mäßiger geschmacklicher Leistung ist der Besuch von „More than Toilet“ ein sehr erfrischendes Erlebnis. Denn irgendwie schafft man es hier, aus unserem „Geschäft“ etwas wirklich Süßes und Amüsantes zu machen.

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Wer zum Schluss doch noch das Gefühl hat, zu wenig WC-Flair genossen zu haben, kann sich noch mit dem Kauf eines „Kackhäufchens“ aus Plüsch trösten.

Shanghai More than Toilet

Ein weiterer Tag der Gegensätze geht zu Ende: Zwischen spuckenden Fußgängern, Kindern, die in Mülltonnen pinkeln, und Touristen, die Schokoeis auf Kloschüsseln genießen wird „Exotik“ neu definiert.

Bist du schon in Shanghai gewesen? Oder in einer anderen Stadt, die faszinierend und wirdersprüchlich zugleich ist? Sag es mir in den Kommentaren!

 

Weiterführende Informationen:

  • Lies hier den ersten Teil meiner Reiseerfahrungen in Shanghai: Shanghai :: Lost in Translation
  • Für Teeliebhaber kann ich den oben erwähnten Teeshop von Cha Mi Living empfehlen. Man kann den Tee vor Ort probieren und dazu einige in Europa eher unbekannte Sorten kennen lernen. Hier verliebe ich mich in den Hong Cha from the Moon Lake aus Taiwan. Kaum nehme ich einen Schluck von der frisch zubereiteten Kostprobe, schon ist es um mich geschehen: Die warmen Malz- und Karamellnoten sind der Hammer. Der Preis mit etwa 65€/100g auch, aber in einem Café zahlt man auch schon mehrere Euro für einen Beutel Tee aus dem Supermarkt. Zur Beruhigung: Hier sind die Päckchen kleiner (40g) und somit fällt der Preis nicht so sehr ins Gewicht. Und wer wie ich schlecht im Kopfrechnen ist, gibt einfach 300 Yuan aus und rechnet erst im Hotel nach. Nachdem ich zuerst glaube, in eine Touristenfalle getappt zu sein, eröffnet mir meine Recherche im Internet, dass das einer der besten Schwarztees sei und der Preis keinesfalls künstlich überteuert. Dazu muss man auch wissen, dass Tee eine sehr wichtige Rolle in der chinesischen Kultur spielt und auch als Statussymbol betrachtet wird. Somit habe ich wohl hier im übertragenen Sinne den Mercedes unter der Tees erwischt (wobei nach oben wohl keine Grenzen existieren …). Im Nachhinein habe ich den Kauf trotz des Preises keinesfalls bereut und musste bei jeder Tasse in Erinnerungen an Shanghai schwelgen.

Cha Mi ::

Tianzi Fang Shopping District
No 6 Lane 274, Taikang Lu
Shanghai, China

More Than Toilet ::

Taikang Road
Huangpu District
Shanghai 200000, China

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4 Antworten

  1. Hab mich köstlich amüsiert!

  2. Volker sagt:

    Hahaha – wirklich gut ge- und beschrieben!

    Ja, Shanghai ist schon interessant 😀

    Ich war Anfang März auch für ein paar Tage geschäftlich in Shanghai. Wir hatten allerdings den Vorteil, dass wir meist von einheimischen Geschäftskollegen begleitet wurden; U-Bahn-Karten kaufen und im Restaurant bestellen war also kein Problem 🙂

    • Hallo Volker!

      Vielen Dank :)! Das ist natürlich auch sehr spannend, gleich mit Insidern unterwegs zu sein, beides hat seinen Charme!
      Ich würde irgendwann wieder hinfliegen, mal sehen, was mich dann überrascht…

      Viele Grüße

      Dobrena

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