La Palma Barranco del Agua :: Ein Wasserfall mit Öffnungszeiten

Das Navi zeigt eindeutig auf den schmalen Spalt mit den steilen, senkrechten Felswänden. Dazwischen – ein wild strömender Wasserfall.

Ich vermute, dass der Wanderweg sich irgendwo an den Fluten vorbei schlängelt und wir diesen einfach noch nicht bemerkt haben. Dennoch, selbst nach sorgfältigem Einscannen und anschließender topografischer Erfassung der Gegend fehlt von dem Weg noch immer jede Spur.

Deswegen tue ich das, was ich bereits bei der Planung der Wanderung hätte tun sollen:

Die Wanderbeschreibung genau lesen.

In der Einleitung steht nämlich, dass der Barranco del Agua nur zugänglich sei, wenn der Wasserfall „nicht in Betrieb“ sei. Unglücklicherweise habe ich diese Nebensächlichkeit überlesen. Hier ist mir eine Rückfallquote offensichtlich nicht abzusprechen: Es ist nicht das erste Mal, dass ich bedeutende Hinweise selektiv ignoriere… Ich sage nur ein Wort: Zwei-Länder-Sport-Klettersteig!

Anscheinend liegt es in diesem Fall aber auch daran, dass mir während meiner Schulzeit entgangen sein muss, dass Wasserfälle so etwas wie „Betriebszeiten“ haben können. Ich frage mich, unter welchen Umständen ein Wasserfall dann „außer Betrieb“ wäre.

Wie dem auch sei, dieser Wasserfall ist gerade eindeutig „in Betrieb“. Und zwar so heftig, dass der Zugang zur Schlucht und somit zur Wanderung komplett versperrt ist.

La Palma Barranco Del Agua :: Cascada de los Tilos

Wie schon so oft, stehen wir vor der Entscheidung „Zurückkehren oder…nicht zurückkehren“.

Mr. Partus und ich schauen uns an. Durchtriebene Gedanken gehen uns durch den Kopf. Und nein, sie haben nichts mit Duke Nukems Fantasien zu tun, die Frauen, Peitschen und Öl einschließen („If there is a way to go, it’d have something to do with women, whips, and oil…„)!

Wir holen unsere Regenjacken raus, ziehen uns die Kapuzen über den Kopf, den Regenschutz über die Rucksäcke, und marschieren zielgerichtet auf den Wasserfall zu.

Die Leute, die nur kurz vor dem Wasserfall posieren, schauen uns an, als würden wir an einer unheilbaren Geisteskrankheit leiden. Vermutlich liegen sie auch nicht ganz falsch. Geringfügig Ga-Ga sind wir schon. Auch hier ist es nicht das erste Mal, dass ich beim Wandern durch „ungezähmte“ Wasserfälle gehen muss. Ein bisschen Wander-Action hält die Erinnerung länger frisch.

Wir holen tief Luft, aktivieren den mentalen Modus „Ich-Laufe-Durch-Den-Wasserfall-Auch-Auf-Die-Gefahr-Hin-Nass-Zu-Werden-Und-Mich-Für-Diese-Idee-Im-Anschluss-Zu-Verfluchen“ und rennen einfach durch. Ein bisschen erwischt es uns schon, aber nicht nennenswert. Und die Kamera übersteht es auch unbeschadet (hier im Gegensatz nicht).

Plötzlich sind wir auf der anderen Seite und merken sogleich den Unterschied: Kein Menschengekreische ist zu hören. Nur die Wasserfallgeräusche und diese spezielle Art von Stille, die man nur in der Natur so kennt. Es fühlt sich so an, als hätten wir eben eine magische Grenze überschritten und wären in einer anderen Dimension gelandet.

Ab hier beginnt die tatsächliche Wanderung durch den Barranco del Agua – wild, abenteuerlich, verlassen, und schön.

La Palma Barranco Del Agua

Gleich am Anfang warnt der Wanderführer vor akuter Steinschlaggefahr. Wir stehen am Fuße eines hohen Felsens mit leichtem Überhang.

La Palma Barranco Del Agua

Kaum möchte ich mich äußern, dass die Felsen eigentlich sehr stabil aussehen und sie gar nicht so weit herausragen, hören wir ein stumpfes Geräusch. Ein mittlerer Stein ist gerade auf dem Rucksack von Mr. Partus gelandet. Seinen Kopf hat er nur um wenige Zentimeter verfehlt. Mehr Omen brauchen wir nicht – flott verlassen wir die gefährliche Stelle und laufen weiter. Immer wieder halten wir aber kurz an, um Fotos zu machen.

La Palma Barranco Del Agua

La Palma Barranco Del Agua

Bald wird der Weg etwas herausfordernder – an einigen Stellen muss man seine Kletterkünste unter Beweis stellen und darf nicht zimperlich sein.

La Palma Barranco Del Agua

Nach einigen Minuten erreichen wir eine Stelle, die auf den Bildern wenig spektakulär rüberkommt, einem dennoch gewisse motorische Fertigkeiten abverlangt. Z. B. Trittsicherheit und gutes Gleichgewichtsgefühl.

La Palma Barranco Del Agua

Es handelt sich dabei um einen „Tümpel“, der etwa 1 m tief zu sein scheint. Andere Wanderer haben versucht mit Ästen und Steinen eine Art Laufsteg zu bauen. Auf der anderen Seite wartet eine Metall-Leiter, über die ebenfalls ein kleiner Wasserfall fließt. Ein erster Versuch, die Leiter zu erreichen, offenbart, dass die Äste modrig und instabil sind und unter dem eigenen Gewicht erheblich und unvorhersehbar nachgeben können.

An dieser Stelle werden wir von einer deutschen Familie mit zwei kleinen Jungs eingeholt. Zu meiner Verstimmung fangen diese an laut zu diskutieren, ob sie nun mit den Kindern rübergehen sollen oder nicht. Die Jungs wollen natürlich weitergehen, die Mutter ist sogar schon auf der anderen Seite des Tümpels angekommen. Nur der Vater mimt den Spielverderber. Er hält das alles für zu gefährlich. Ich muss zugeben, die Gefahr im Wasser zu landen, ist relativ hoch. Aber einmal nass und schmuddelig wäscht sich aus. Durch diese Schlucht weitergehen – unbezahlbar. Durch das laute Gezeter vor dem Tümpel („Neeeeinnnn, Rüdiger, du darfsch‘ da net nei!“) merke ich allmählich, wie misanthropische Gedanken in mir aufsteigen.

Endlich erreicht die Familie einen scheinbaren Konsens und sie kehren um. Noch weitere fünf Minuten hört man die quängelnde Stimme des armen Rüdiger, dann verstummen auch diese Geräusche.
Nun dürfen wir im Stillen mit uns hadern, wie wir diese größere Pfütze überqueren sollen. Mr. Partus will den Kerl rauslassen und rennt einfach schnell und mit großen Schritten über die Äste. Mit gewissen Verlusten erreicht er die Leiter auf der anderen Seite.

Meine Beine sind allerdings nicht so lang wie seine. Also muss ich anders vorgehen. Ich schaue mich um und schwuppdiwupp organisiere ich mir zwei längere Holzstöcke, die auf dem Boden liegen. Mit einem Stock in jeder Hand stütze ich mich rechts und links, während ich auf dem modrigen Balken über Wasser laufe. Auf der Leiter nimmt mich Mr. Partus in Empfang. Vorsorglich deponiere ich meine improvisierten Stöcke in der Nähe und klettere hoch.

Auf der anderen Seite sieht es plötzlich bedrohlicher aus: Die Wände der Schlucht laufen zusammen und schließen sich fast über unseren Köpfen. Dunkel und eng ist es dazwischen und ein paar große Felsbrocken versperren den Weg. Wir helfen uns gegenseitig über die Hindernisse und kurz darauf wird die Schlucht wieder breiter. Laut Navi sollen wir auch bald das Ende des Barranco erreichen. Fast enttäuscht, dass es bald auch schon vorbei sein wird, laufen wir weiter.

Unerwartet steigt ein herber, penetranter Geruch in meine Nase: Es riecht nach Gras. Und zwar nach diesem, das manche Leute unter künstlicher Beleuchtung im Bad züchten. Ich schaue mich um, aber außer uns ist hier keine Menschenseele. Wächst das Zeug hier an den Hängen? Das würde ja noch fehlen, denke ich mir – mein erster Wasserfall mit Öffnungszeiten und auch noch eine Wanderung mit Gute-Laune-Garantie. Falls du dir nun aber denkst: „Uih, DIE Wanderung muss ich mal machen!“, muss ich dich enttäuschen. An den Hängen kann ich kein Unkraut ausmachen. Ich schüttle den Kopf, ich muss es mir eingebildet haben.

Nach etwa 10 Minuten erreichen wir das Ende der Schlucht. Eine ganze Stadt voller Steinmännchen erwartet uns hier. Und auch ein einstiger Wasserfall. Der scheint schon seit Längerem wohl „außer Betrieb“ zu sein.

LaPalma_BarrancoDelAgua-7

Mitten in den Steinmännchenskulpturen – zwei Spanier und eine qualmende Fluppe, die eindeutig als Quelle des penetranten Geruchs zu identifizieren ist. Unnatürlich eifrig laufen die zwei herum und schleppen allerlei Naturmaterial an. Sie sind mit dem Bau eines weiteren Steinmännchenmonuments beschäftigt. In ihrer Duftwolke umhüllt grüßen sie uns hastig und wenden sich wieder ihrem Kunstwerk aus Ästen, Blättern und Steinen zu.

Ich versuche aus sicherer Entfernung Bilder zu machen und überlege mir, welchen Würgegriff ich anwenden sollte, falls die zwei Probleme machen. Sie scheinen aber friedlich und so beruhigt sich mein Misstrauen wieder. Da sie mir ständig durchs Bild laufen, gebe ich ihnen ein Zeichen, das Feld etwas zu räumen. Brav setzen sie sich zu Mr. Partus und während ich meine Bilder noch arrangiere, ist die erste La Palma-Freundschaft in der Gras-Cloud geschlossen. Sie preisen uns die Schönheit der Insel mehrmals an, worin wir mit ihnen ehrlich übereinstimmen.

Kurz darauf dürfen wir uns auch schon wieder von unseren neuen Freunden verabschieden. Die zwei beschließen, dass ihr Bauwerk nun fertig sei und sie gehen können. Was das genau ist, was sie gebaut haben, wird wohl ihr Geheimnis bleiben. Aber es schien ihnen auch hauptsächlich ums Bauen zu gehen, nicht um die Form.
Wir lassen sie ein Stück vorlaufen, bevor wir uns auch auf den Rückweg machen. Langsam geht der Nachmittag zur Neige und in der Schlucht schwinden die Sonnenstrahlen noch schneller als außerhalb.

An der kniffligen Stelle mit der Leiter und dem Miniteich warten die improvisierten Stöcke noch auf mich, die ich auch dieses Mal erfolgreich einsetze. Dann lehne ich sie gut sichtbar an den Felsen. Für die Nachkommen.

Noch ein zweites Mal muss meine Regenjacke halten, was sie verspricht, als wir die Wassefall-Grenze überqueren. Was sie auch tut. Wäre bloß nicht der Windschwall, der just in dem Moment, als ich am Wasserfall vorbei will, den gesamten Wasserstrahl umleitet und mich dieser mit voller Wucht trifft. Dafür kommt Mr. Partus fast trocken durch. Somit sind wir für heute quitt – jeder hat bereits ein leichtes Bad im Barranco del Agua genommen.

Vom Baden haben wir an diesem Nachmittag aber noch lange nicht genug. Wir erlauben uns noch als Abschluss einen Abstecher nach Charco Azul – einem kleinen Areal in der Nähe von San Andres mit natürlichen Meeresschwimmbecken. Diese sind durch eine Schutzmauer von den Atlantik-Wellen geschützt und man kann darin baden, ohne die Fluten zu fürchten.

Charco Azul Piscinas

Quelle: Tony Hisgett @Flickr

Dort angekommen, schmeißen wir uns schnell in unsere Badesachen und zeigen den wenigen anwesenden Personen unsere deutschen Astralkörper. Gestärkt durch Wasserfälle, Tümpel und Barranco-Luft gehen wir gemächlich rein.

Knackig ist die Wassertemperatur und macht einen fast wieder jungfräulich. Trotz Nippel-Alarm versuchen wir ein Poker-Face zu bewahren. Den anderen Besuchern geht es ähnlich. An dieser Stelle empfehle ich blickdichte, gut gepolsterte Schwimmhosen bzw. Schwimm-Oberteile. Ganz so lässig wie das Betreten von Charco Azul wird unser Abgang dann nicht mehr. Nach der ungeplanten Gewebe-Straffung verlassen wir das Schwimmbecken zittrig und dennoch etwas steif.

Charco Azul dagegen kann heute seinem Namen durchaus gerecht werden: Unsere Lippen sind fast genau so blau (azul) wie das Wasser des Atlantiks.

Sehr zu empfehlen (s. auch Tour Nr. 14 aus dem Buch):

Wanderführer La Palma mit GPS Koordinaten zum Herunterladen

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