Portugal :: Cabo da Roca – Wanderung zum Kap der nackten Tatsachen

Als ich den Bus am Cabo da Roca verlasse, beschleicht mich sogleich eine leichte Enttäuschung: Horden von Touristen tummeln sich um das riesige Kreuz links vom Leuchtturm und mitten drin scheint ein Biker-Treff stattzufinden, zumindest den etwa 400 Motorrädern nach zu urteilen. Ansonsten kann ich „dem westlichsten Punkt des europäischen Festlands“ auf Anhieb nichts Spannendes abgewinnen. Innerlich ärgere ich mich, dass ich die lange Busfahrt aus Sintra „dafür“ auf mich genommen habe, um mir „nur“ den 22 Meter hohen Leuchtturm aus dem Jahr 1758 anzusehen. Angeblich soll sein Licht aus 48 Kilometern Entfernung sichtbar sein.

Cabo da Roca Wanderung

Aber nun bin ich da und tue, was ich als pflichtbewusster Touri tun muss: Ich mische mich unter die anderen Touristen, die alle damit beschäftigt sind, sich unter dem Kreuz ablichten zu lassen, im Hintergrund der Atlantik und ein paar interessante Felsen. Der Ausblick ist ganz nett, deswegen schließe ich mich dem Gruppenwuseln an und dokumentiere den Spot für die Nachkommen:

Cabo da Roca Wanderung

Für die meisten Besucher endet die Besichtigung an dieser Stelle mit dem selbst geschossenen Selfie. Aber ich habe ja diesen interessanten Felsen in der Ferne gesichtet und ein Blick auf meine Offline-Karte verrät mir, dass es zu diesem Felsen einen Strand gibt. Und zu diesem Strand gibt es einen Wanderpfad… Zügig verschmähe ich den Aussichtspunkt und den Biker-Treff. Auf der Seite des Leuchtturms, etwa 100 Meter von der Bushaltestelle entfernt, verlasse ich die asphaltierte Straße und begebe mich in die grünen Pampas vor mir. Schnell verstummen die touristischen Geräusche hinter mir und sogar die Autos sind kaum mehr zu hören.

Nach etwa 20 Minuten erreiche ich einen Aussichtspunkt und das ist der Moment, in dem ich mir auf die Schulter klopfe, dass ich das Kap gründlicher untersuchen wollte – unter mir sehe ich, was sich hinter dem „interessanten“ Felsen versteckt, und es ist genau das, was ich sehen will: Einen geilen Strand, der nahezu menschenleer ist!

Cabo da Roca Wanderung

Cabo da Roca Wanderung

Die anschließende Kraxelei über schmale, teils abschüssige Pfade erfordert etwas Trittsicherheit und Schwindelfreiheit und beschert mir die eine oder andere Hitzewallung bei angenehmen 23 Grad. Denn zu dem Strand kommt man nur zu Fuß.

Nach etwa 15 Minuten bin ich am Ziel. Ich bedauere sogleich, dass ich keine Badesachen eingepackt habe. Wobei man hier nicht mal ein Feigenblatt braucht, um sich zu bedecken – der Strand entpuppt sich als FKK-Strand. Oder zumindest scheinen ihn die wenigen Besucher stillschweigend zur bekleidungsfreien Zone erklärt zu haben – einige betagten Herren schmoren wie Gott sie schuf in der Sonne und gewähren tiefe, gewöhnungsbedürftige Einblicke in ihre Anatomie.

Da ich im wahrsten Sinne des Wortes „overdressed“ bin, starte ich einen kleinen Integrationsversuch und ziehe mir schon mal die Wanderschuhe aus. Vergnügt laufe ich barfuß den Atlantikwellen entgegen, die ihre raue Energie kurz davor entladen und sich nahezu sanftmütig wie ein weißer Vorhang über den nassen Sand verteilen. Das Wasser ist angenehm kühl und dennoch erstaunlich warm für diese Jahreszeit. Und der Strand erfüllt alle Voraussetzungen für einen Bilderbuchschnappschuss, wie dieses Panoramabild belegen kann:

Cabo da Roca Wanderung

Einer der nackigen Herren versucht (vermutlich unbeabsichtigt) mehrmals ein Teil der Komposition zu werden, indem er sich wiederholt mit viel Elan in die schäumenden Wellen wirft und mir mein Panoramabild versaut. Bis ich ihm mit einer unmissverständlichen Handbewegung bedeute, das Feld temporär zu räumen und mir nicht ständig durchs Bild zu huschen. Grinsend lässt er mich gewähren und so kann ich ungestört ein paar „popofreie“ Bilder schießen.

Nach einer ausgiebigen Fotosession mit dem Atlantik im kleinen Kreis der Felsen, schnüre ich wieder meine Wanderschuhe und verabschiede mich wehmütig von der wunderschönen Kulisse.

Cabo da Roca Wanderung

Auf dem Rückweg werde ich schnell daran erinnert, wie es sich anfühlt, einen von Felsen umschlossenen (fast) einsamen Strand hinter sich zu lassen: Der steile Aufstieg in der prallen Sonne ist die logische Konsequenz von einem steilen Abstieg in der prallen Sonne. Aber für mich die beste Gelegenheit, meine Ausdauer spontan zu testen. Ich steige relativ schnell auf, meine Oberschenkel müssen nun sofort von 0 auf 100 % kommen und melden sich mit einem leichten Brennen zurück. Aber das ist mir so was von egal. Denn ich merke, dass ich es wieder kann. Wie früher, vor meiner schicksalhaften Begegnung mit dem kleinen Teufel. Und ich merke, dass ich aus der Puste bin, aber nicht wie jemand, der keine Kraft mehr in sich spüren würde. Das freut mich so sehr, dass ich die 140 Höhenmeter auf einem Schlag und ohne Pause erklimme. Schweißgebadet lasse ich die letzten Felsstufen hinter mir, nur noch 1-2 Meter, dann bin ich schon auf dem Plateau, von dem aus ich vorhin den Strand von oben bewundert habe. Und die Belohnung für meinen schnellen Aufstieg lässt nicht lange auf sich warten: Ich erhebe meine schweißgebadete Stirn und werde mit einer einmaligen Aussicht belohnt: Vor meiner Nase baumeln die nackten Kronjuwelen eines Mannes mittleren Alters…

Da mein Blick bis gerade eben an dem schwierigen Untergrund geheftet war, ist das das Erste, was ich erblicke, wenn ich die Augen erhebe.

Wären wir uns auf Augenhöhe begegnet, wäre mir dieser Anblick aufgrund eines ausladenden Bauches womöglich erspart geblieben.

Da ich aber gerade die letzten Höhenmeter erklommen habe und der Pfad sehr schmal ist, wartet der Herr geduldig, bis ich ganz oben angekommen bin und somit den Einstiegspunkt des Wanderweges für ihn frei mache.

So zuvorkommend diese Geste von ihm auch sein mag, schaffe ich es gerade noch so, dem Wunsch zu widerstehen, dem Exhibitionisten mit meiner Kamera einen über die Glatze zu ziehen. Nur dem Zufall ist es zu verdanken, dass ich den Zusammenhang zwischen FKK-Strand und nacktem Wanderer rechtzeitig herstellen kann. Denn hätte ich den Strand nur von oben gesehen, hätte ich diese „prachtvolle“ Erscheinung in einem anderen Kontext gedeutet. Das hätte womöglich nicht ganz friedlich für alle Beteiligten geendet. Aber auch wenn wir dem Herrn keine bösen Absichten unterstellen wollen, kann ich trotzdem nicht nachvollziehen, warum sich jemand bereits einen Kilometer VOR dem Strand komplett entblößt, um über Stock und Stein herunterzukraxeln. Das wird sein Geheimnis bleiben…

Auf dem restlichen Rückweg verwöhnt mich Cabo da Roca mit weiteren tollen Ausblicken, bevor ich mir anschließend ein Eis gönne und den Bus zurück nach Sintra nehme.

Cabo da Roca Wanderung

Cabo da Roca Wanderung

Cabo da Roca Wanderung-

Fazit: Gehe die Extra-Meile und du wirst belohnt. Zwar ist die Aussicht nicht immer eine Augenweide, aber immer öfter ;).

Weiterführende Infos:
Busslinie 403 von Sintra oder Cascais nehmen, Kosten ca. 4,80€ einfache Richtung (vom Hauptbahnhof in Sintra).

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4 Antworten

  1. leonieloewin sagt:

    Sehr schöner Bericht mit tollen Fotos. Ist sehr sehr lange her, dass ich dort war. Liebe Grüße Leonie.
    PS: Schön Dich persönlich kennengelernt zu haben 🙂 Gibt es auch einen Teneriffabericht mit Laskofoto 🙂 ?

  2. carmen.on.the.road sagt:

    Super schöne Fotos! Und das Bikertreffen hört sich spannend an. Sollte dort wohl mal hinfahren 🙂

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