Teneriffa :: El Teide oder aller guten Dinge sind zwei

Dezember 2015. 3555 m. 12 Grad. 97% Sauerstoffsättigung.

Wann, wenn nicht heute… wer, wenn nicht ich!

Ich stehe unterhalb des Teide-Gipfels und bin bereit für den zweiten Anlauf.

Was soviel verrät, dass es einen ersten Anlauf vor ziemlich genau zwei Jahren gab, der nicht erwartungsgemäß abgeschlossen wurde.

Um bösen Überraschungen organisatorischer Natur (und auch für den (un)wahrscheinlichen Fall, dass mir die Höhe nicht sofort bekommt), habe ich diesmal gleich zwei Genehmigungen für die Teide-Besteigung reserviert. Nach dem unfreiwilligen Wanderstopp vor einigen Monaten bin ich gespannt, wie es sich anfühlen wird, sich jenseits der 2000 m Marke zu begeben. Die Wanderungen, die ich in den letzten Tagen auf Teneriffa absolviert habe, wiesen einen durchschnittlichen Höhenunterschied von ca. 750 Höhenmetern auf. Ungeachtet leichter Zipperlein, die auf zu viel Muffins zum Frühstück und zu wenig Training zurückzuführen waren, konnte ich keine nennenswerten Einschränkungen feststellen. Somit dürfte die Ausdauer grundsätzlich gewährleistet sein. Was kann dann schon noch passieren, abgesehen von Schwindel, Atemnot, Kopfschmerzen, Herzrasen, Übelkeit und was die Höhenkrankheit noch so mit sich bringt? Im schlimmsten Fall könnte es mir temporär wie dieser Tüte ergehen:

Teneriffa Teide

Um den Effekt einer solchen Körpererfahrung zu umgehen, habe ich mich aber bereits am Tag davor einer Blitz-Akklimatisation auf 2200 m unterzogen. Sicher nicht ganz ausreichend, aber besser als nichts.

Teneriffa Teide

Teneriffa Teide

Und aufgrund einer angehenden Erkältungswelle in unseren Reihen sind wir eh gezwungen für den Aufstieg auf die Teide-Seilbahn auszuweichen. Es muss dieses Mal also klappen.

Am geplanten Tag nehmen wir (ausnahmsweise) rechtzeitig die doch etwas weite Fahrt von Santa Cruz de Tenerife in den Teide-Nationalpark auf. Am Fuße des Vulkans angekommen, müssen wir um diese Uhrzeit (ca. 11 Uhr vormittags) an der Seilbahnstation nicht lange warten. Nach kurzem Verweilen in der Schlange schwingt sich die volle Gondel mit uns im Schlepptau auch schon nach oben. Im Nullkommanichts meistern wir die Entfernung zwischen den Stationen. Schon etwas frustrierend der Gedanke, dass wir zu Fuß mehrere Stunden für diesen Kraftakt gebraucht hätten.

Oben angekommen werden wir von Sonne und einem wolkenlosen Himmel begrüßt. Und dennoch trügt der Sonnenschein etwas: Im Vergleich zu unserem Einstiegspunkt an der unteren Seilbahnstation ist es hier knackig frisch und um mehr als 10 Grad kälter. Spätestens jetzt schielen einige Enthusiasten in Flip-Flops und kurzen Hosen sehnsüchtig nach jedem, der geistesgegenwärtig genug war, sich nach dem Zwiebelprinzip zu kleiden. Und als würden sie nicht jetzt schon genug frieren, scheinen einige der Birkenstock-Träger tatsächlich über eine Gipfelgenehmigung zu verfügen und wollen sich in noch luftigere Höhen wagen. Mutig sind die Unwissenden…

Der Ranger in seinem Häuschen schenkt meiner Genehmigung nur einen flüchtigen Blick, wir werden durchgewunken und dürfen den Checkpoint passieren, ohne uns ausweisen zu müssen. Von hier aus sind es nur noch knapp 170 Höhenmeter bis zum Gipfel. Der Weg ist gut ausgebaut und hält keinerlei technische Herausforderungen bereit (selbst ein Flip-Flop-Träger käme hier weit, wenn er davor nicht vor Kälte blau anlaufen würde). Die interessantere Herausforderung beginnt eher nach den ersten Metern. Nach wenigen schnelleren Schritten pocht mein Herz schwer wie ein Gummihammer in der Brust und ich muss ordentlich nach Luft schnappen. Man muss schon etwas Disziplin aufwenden, um bewusst langsamer zu gehen, auch wenn es einem missfällt, von anderen überholt zu werden. Ich halte mich aber stur daran und trotte langsam vor mich hin. Je länger ich laufe, umso besser klappt es. Somit bin ich mittlerweile ganz zuversichtlich, dass ich es trotz meines Handicaps ohne Probleme auf den Gipfel schaffen würde. Inzwischen sind auf der Strecke die ersten Ausfälle anzutreffen – einige übereifrige Gipfelstürmer sitzen keuchend am Wegesrand. Manche von ihnen versuchen dem Sauerstoffmangel vergebens mit einer Fluppe im Mund entgegenzuwirken. Interessanterweise scheint es bei diesen Personen einen gewissen Zusammenhang zwischen unpassendem Schuhwerk und Rauchen zu geben.

Nach etwa 50 Minuten erreiche ich den Rand des Kraters. Vor mir erstreckt sich ein Kessel voller Steinbrocken. Hier und da schimmert ein gelb-grüner Schleier über dem Geröll und es riecht nach faulen Eiern. Ich halte meine Hand hin, spüre den warmen Dampf, der aus dem Boden aufsteigt, entdecke dabei filigrane gelbe Schwefelkristalle, die bei der kleinsten Berührung zerfallen.

Teneriffa Teide

Noch ein paar letzte Meter und ich bin da!
Wohin das Auge reicht, erstreckt sich ein 360 Grad Panorama, die Welt liegt einem buchstäblich zu Füßen.

Teneriffa Teide

Ich muss nur den Arm ausstrecken und könnte mit den Fingern über die sanften Hügel von La Palma und La Gomera streichen. Die Sonne brennt wie verrückt, eiskalter Wind peitscht mir die Haare ins Gesicht, und ich bin mehr als dankbar für meine winddichte Jacke.

Teneriffa_Teide-2

Teneriffa Teide

Teneriffa Teide

Teneriffa Teide

Nachdem meine Präsenz auf dem Gipfel ausreichend dokumentiert wurde, wird es Zeit für ein zweites Frühstück. Dieses besteht aus einem platt gedrückten Schokocroissant, das in meinem Rucksack etwas an Form und Frische eingebüßt hat. Dank der stärkeren Kompression merkt man ihm das wahre Alter von zwei Tagen kaum an – auf 3718 Höhenmetern schmeckt es noch erstaunlich gut. Das ist zweifelsohne auf den angenehmen Begleiteffekt der körperlichen Betätigung und auf die Befriedigung zurückzuführen, dass ich es hierher geschafft habe. Denn heute ist mein Geburtstag, ich habe Wind in den Haaren, Sonnenstrahlen auf dem Gesicht, einen umwerfenden Blick über den Atlantik, ein zweidimensionales Gebäckstück in der Hand… was will man mehr…

Naja, ich würde sagen: „Was ist mit Tee?“

Weiterführende Informationen:

#Den Teide-Gipfel kannst du über drei Wege erreichen (wahlweise mit oder ohne Seilbahn-Unterstützung) :

  • Innerhalb der Öffnungszeiten mit einer Genehmigung, die du davor hier reserviert hast: www.reservasparquesnacionales.es
  • Durch eine Übernachtung in der Berghütte Altavista (dann benötigst du keine Genehmigung)
  • Indem du eine Nachtwanderung bei Mondschein unternimmst und es durch perfektes Timing schaffst, um 6:00 in der Früh auf dem Gipfel zu stehen. Dadurch umgehst du die Kontrolle am Durchgangspunkt (der zu dieser Zeit nicht besetzt ist) und kannst den Sonnenaufgang direkt auf dem Gipfel erleben. Dies ist die von mir bevorzugte Variante, der ich leider nicht nachkommen konnte, da eine Bronchitis mich erfolgreich davon abgehalten hat. Falls du dich dafür entscheidest, mach unbedingt einen Abstecher zur Cueva del Hielo – einer etwa 55 m² großen Eishöhle auf einer Höhe von 3300 Höhenmetern, in die du über eine Leiter hinabsteigen kannst.

#Ausführliche Informationen zur Seilbahn findest du hier: https://www.volcanoteide.com/de/teide_seilbahn

# Alternativ/zusätzlich kannst du eine Wanderung durch die Cañadas machen, die dich bis zur Felsgruppe Roques de García führt. Diese Wanderung, die direkt unterhalb der Seilbahnstation beginnt, ist insbesondere im Frühjahr während der Blütezeit der Tajinasten zu empfehlen.

# Bist du mit dem Auto unterwegs, fahre in Richtung Vilaflor – des höchstgelegenen Dorfes Teneriffas. Auf dem Weg dorthin statte dem Pino Gordo einen kurzen Besuch ab. An einem anderen Tag empfehle ich dir, zu Vilaflor zurückzukehren und die Wanderung zum berühmten Paisaje Lunar (zu Deutsch „Mondlandschaft“) zu machen.

# Solltest du, wie ich, mit dem Gedanken spielen, dir eine Ferienwohnung auf Teneriffa zuzulegen, möchte ich nochmal auf die aufsteigenden Dämpfe am Teide-Krater hinweisen – ein subtiles Zeichen von schlummernder Vulkanaktivität. Zwar wird das Risiko einer pyroklastischen Eruption als äußerst unwahrscheinlich eingestuft, dennoch liegt der zuletzt erwartete Ausbruch lediglich etwa 15 Jahre zurück. Dieser blieb aus bzw. machte sich nur durch ein paar Erdbeben bemerkbar. Für einen kurzen Moment gibt das einem aber etwas zu denken, wenn man oben steht… Der Teide schläft, die Frage ist nur, wie lange…

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9 Antworten

  1. leonieloewin sagt:

    Schön einmal wieder von Dir zu lesen. Und dann noch von meiner Lieblingsinsel :-). Meine Lieblingsvariante ist auch die ohne Seilbahn: http://noticias7.eu/teneriffa-auf-den-teide-ohne-seilbahn/1114/ Liebe Grüße, Leonie

  2. bergkraxler7 sagt:

    schöner Bericht und schöne Bilder. lg Bernd

  3. papamufflon sagt:

    Schön, dass Du doch noch oben angekommen bist. Wir müssen unseren zweiten Teil noch nachholen 😉 https://alsnuff.de/2016/07/31/kanarische-wintersonnenbetankung-fast-auf-den-pico-del-teide/

  4. Hallo Dana,
    gerade habe ich deine verschiedenen Artikel über Teneriffa gelesen. Ich antworte jetzt einfach mal auf diesen.
    Ich lebe selber seit langem auf Teneriffa und deshalb interessiert es mich immer, wie andere die Insel sehen. Ich schreibe auch selbst einen Blog mit allerlei Geschichten und Tipps kreuz und quer über die Insel.
    Vor Erdbeben oder Vulkanausbrüchen hat hier eigentlich niemand Angst. Eigentlich wackelt es alle paar Tage mal:
    https://mitenerifeblog.wordpress.com/2016/10/06/100-erdbeben-in-4-stunden/

    Toll, dass du den Teide im zweiten Anlauf geschafft hast. Für den zweiten Besuch in La Laguna könntest du mal die Teufelsmauer erkunden:
    https://mitenerifeblog.wordpress.com/2016/09/26/die-mauer-des-teufels/
    oder auf Gespensterjagd gehen:
    https://mitenerifeblog.wordpress.com/2016/09/18/das-gespenst-von-la-laguna/

    Du schreibst auch von „Lost Places“. Ich habe einige davon entdeckt:
    https://mitenerifeblog.wordpress.com/kurioses/

    Falls du jetzt Lust auf einen neuen Teneriffa -Besuch bekommen hast, prima! es gibt immer einen Grund, wiederzukommen.
    Liebe Grüsse aus La Orotava
    gerardo

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