Teneriffa :: Die verlassene Leprastation „Sanatorio de Abona“

Ich musste mein Gefährt etwa eine Meile entfernt stehen lassen. Ein Fortkommen über dieses steinige Terrain war damit nicht mehr möglich. Die unwegsame Strecke bis zu meinem Ziel musste ich somit zu Fuß zurücklegen. Aber nun stehe ich da, die Daumen mit den schmutzigen Nägeln in dem Cowboy-Gürtel gesteckt. Der Hut auf meinem Kopf ist schweißgetränkt und glänzt vor Fett auf den speckigen Haaren. Zwischen den spröden Lippen hängt eine selbstgedrehte Zigarette. Ich fahre mir nachdenklich mit der Hand übers Gesicht – es ist kantig, unrasiert und borstig, von sengender Sonne, Alkohol und der unendlichen Reiterei durch die Steppe gezeichnet. An meiner Wange könnte ich ein Streichholz anzünden. Wenn ich denn wollte…
Mit zusammengekniffenen Augen mustere ich die Gegend und das Gebäude. Vor mir erhebt sich die krumme Silhouette der Kirche von „Sanatorio de Abona“, dem verlassenen Lepradorf von Abades. Erbarmungslos brennt die Mittagssonne durch das Kreuz an der Spitze des Daches.

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Die Luft ist trocken und heiß. Wie eine staubige Decke liegt sie auf dem heruntergekommenen Kirchengerüst. Nur sporadisch zieht ein leichter Windstoß hindurch, der Staub und ein paar Steppenläufer aufwirbelt. In dem Rauschen des Windes verlieren sich die weinerlichen Töne einer imaginären Mundharmonika…

Ich bin hier, um herauszufinden, was es mit diesem Ort auf sich hat…

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Mit einem saftigen Geräusch spucke ich die glimmende Fluppe auf den Boden. Mein Stiefel – aus dem Leder eines Alligators, den ich mit bloßen Händen erlegt habe – macht sie platt. Ich schiebe meinen Hut ein paar Mal hin und her und begebe mich zum Eingang. Bei jedem Schritt ertönt das metallene Klirren der Silbersporen an meinen Schuhen. Die Finger der rechten Hand zucken nervös über dem Griff des Revolvers, der in meinem Gürtel steckt.
Als ich die stille Kirche betrete, höre ich das Flattern von unsichtbaren Flügeln. Mein Blick folgt den Geräuschen. Auf einem Balken direkt unter der Decke entdecke ich Tauben. Diese haben anscheinend Abkühlung und Schatten hier gesucht… Ansonsten ist die Kirche leer. Alles ruht in Schutt und Staub. Dem ganzen Gebäude ist anzusehen, dass es nie fertiggestellt wurde – es ist nur ein steinernes Skelett mit nackten Wänden. Was hat die Erbauer so in die Flucht geschlagen, dass sie das fast fertige Gebäude verließen?
Ich sehe mich um und entdecke einen improvisierten Altar. Er ist mit frischen Blumen geschmückt und in der Mitte brennt eine Kerze.

Jemand ist kürzlich hier gewesen…

Nach einer kurzen Inspektion gehe ich wieder hinaus und nehme die staubige Piste vor mir.

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Rechts und links, auf einem weitläufigen Areal sind mehrere leere Bungalows verstreut. Die Fenster fehlen, wurden wohl nie eingebaut. Die Wände sind teilweise mit Graffiti besprüht. Weiter hinten entdeckt mein Blick ein größeres Gebäude, vermutlich das Krankenhaus. Irgendwo in der Nähe müsste auch das Krematorium sein… Für die Leichen…

In dem ehemaligen Aufenthaltsraum oder Essenssaal entdecke ich geschwungene Bögen, höhere Decken, viel Licht und Graffitikunst. Meine schweren Schritte hallen laut durch die leeren Räume und schrecken auch hier ein paar Tauben auf.

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Weiter im Inneren des Ruinendorfes nehme ich einen der Bungalows genauer unter die Lupe. Die eine Seite erinnert an einen Tunnel, der durch etwas Großes und Wuchtiges verursacht worden zu sein scheint…

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In einigen der Zimmer liegen dreckige Matratzen, Plastikflaschen und Abfälle. Es riecht nach Kloake. Am Ende des Ganges fördert der Blick aus einem ausgefransten Fenster verblüffende Kontraste zutage… Bizarr…

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Ich gehe weiter und finde bald das Haus des Oberarztes der Station. Es ist freistehend, mit einem Blick aufs Meer. Rostige Schilder weisen darauf hin, das Gebäude nicht zu betreten. Es drohe Einsturzgefahr. Und tatsächlich ist die Platte zwischen den Stockwerken durchgebrochen. Halbzerstörte Stufen, mit Gras überwuchert, führen in den zweiten Stock, der nicht mehr existiert.

Ich würde gern noch länger bleiben und in der Vergangenheit nach Antworten suchen… Aber ein leises Piepsen erinnert mich, dass ich gehen muss. Es ist mein Handy. Ich sehe mich an. Mein Cowboyhut ist verschwunden. Die Stiefel aus Alligator-Leder sind rosa Flipflops gewichen. Statt fettiger Haare trage ich einen schwarzen Zopf. Und wehe, jemand würde versuchen, ein Streichholz an meiner gepuderten Wange anzuzünden…

***

Die Geschichte von Sanatorio de Abona:
In Wirklichkeit steckt hinter dem Geisterdorf ein stillgelegtes Bauprojekt aus dem Jahr 1943. Nachdem die Leprakrankheit auf den kanarischen Inseln durch neue Behandlungsmethoden fast ausgerottet war, wurde die Leprastation wohl nie fertiggestellt. Am besten erhalten ist immer noch die Kirche, die sogar von der Autobahn aus relativ gut zu erkennen ist. Im starken Kontrast dazu steht das kleine Dorf Abades in unmittelbarer Nähe. Mit seinen weißen und fast identischen Ferienhäusern gleicht es das Gefühl des Verlorenseins gut aus. Direkt am Meer gelegen, gibt es dort ein paar nette Cafés und Restaurants, in denen du dir eine Erfrischung gönnen kannst.
Das Geisterdorf Sanatorio de Abona erreichst du sonst, indem du von der Autobahn die Abfahrt nach Abades nimmst. Kurz nach dem Kreisverkehr verlässt du die asphaltierte Straße auf der linken Seite. Am besten, du lässt dein Auto bei den letzten Häusern stehen und gehst zu Fuß weiter. Der Weg ist voller Steine und Schlaglöcher und wenn überhaupt, nur mit einem Geländewagen befahrbar. An manchen Stellen sind hügelartige Hindernisse gebaut. Ein Spanier, der mit seinen Hund gerade spazieren ist, erklärt uns, dass das Gebiet wohl von Militär zu Übungszwecken genutzt wird  (sofern ich ihn mit meinen rudimentären Spanischkenntnissen überhaupt richtig verstanden habe).
So viel zu den Fakten.

Der Rest ist der Fantasie überlassen, und diese wird an Orten wie diesem reichlich beflügelt…

Quelle: Wikipedia

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